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Türen öffnen, Kopierer starten : Schwedische Arbeitnehmer lassen sich Chip implantieren - freiwillig

Sie dienen nur dazu, eine Nummer auszulesen, die dann mit gespeicherten Informationen verbunden wird. In diesen Fällen wird versucht, die Sicherheit mit den Hintergrundsystemen sicherzustellen. Den heiklen Punkt solcher Systeme, ob implantiert oder nicht, stellt die Informationshoheit dar - also die Frage, wer auf persönliche Daten zugreifen kann und ob das der Chipträger überhaupt mitbekommt. Sigl zählt Beispiele für solche Angriffe auf. Ein sehr bekanntes stammt vom Hamburger Flughafen, wo das Wachpersonal dank seiner Sicherheitsausweise Zugang zu Sicherheitstüren etwa zum Rollfeld erlangt. Im Versuch wurde ein Lesegerät verwendet, das locker in einen Rucksack oder mittlerweile sogar in Jackentaschen passt. Geht man damit nahe an der Zielperson vorbei, lassen sich deren Daten vom Chip auslesen. Im Hamburger Versuch brauchte der Datendieb dann nur noch das Lesegerät vor die Sicherheitstür zu halten, und dieselbe öffnete sich dank der geklauten Daten.

Datenübertragung schon beim Händeschütteln

Eine andere Masche wurde vor einiger Zeit ebenfalls erfolgreich getestet. Ein Täter hielt dabei den Ausleserucksack in einem Supermarkt nahe genug an den Autoschlüssel der Zielperson. Die gekaperten Daten wurden über eine Drahtlosverbindung so verstärkt, dass draußen auf dem Parkplatz die Verriegelung des Fahrzeugs der Zielperson aufsprang, während diese nichtsahnend einkaufte. „Die Gefahr eines Hackerangriffs ist generell groß bei Systemen, die nicht noch eine zusätzliche Bestätigung erfordern“, warnt Sigl. Also etwa beim Auto den Knopfdruck zum Öffnen des Fahrzeuges oder bei Bezahlsystemen die Eingabe eines Pin-Codes.

Übertragen auf den Arbeitnehmer, der einen Chip unter der Haut trägt, heißt das: Schon beim Händeschütteln könnte sich ein geschickter „Geschäftspartner“ womöglich der eigenen Daten ermächtigen, ohne dass man davon etwas mitbekäme. Viel schwieriger als das heimliche Datenauslesen sei es dagegen, einen solchen Chip heimlich umzuprogrammieren. Dies funktioniere nicht mal eben so im Vorbeigehen - bislang jedenfalls nicht.

Zwar sind die heute speicherbaren Datenmengen noch überschaubar. „Auf einen solchen Chip passen einige hundert Bytes“, sagt Christian Wiebus von NXP aus Hamburg. Das ehemalige Tochterunternehmen des Philips-Konzerns ist spezialisiert auf IT-Sicherheit bei Identifizierungs- und Bezahlsystemen. Der Chip etwa in einem Reisepass enthält dagegen Informationen von rund 80 Kilobyte. Aber es sei wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch solche Volumina auf sehr kleine Speicher passten.

„Viele Menschen gehen sowieso sorglos mit Daten um“

Die Gefahr einer lückenlosen Dauerüberwachung von Trägern des implantierten Chips schätzt Wiebus zumindest derzeit noch gering ein, da die Daten nicht auf mehrere hundert Meter auslesbar seien. Das Implantat sei dafür aber auch gar nicht unbedingt nötig. „Denn viele Menschen gehen ohnehin mit ihren Daten sehr gedankenlos um.“ Die Debatte um Technologie-Implantate hat schon eine längere Geschichte. Der Kanadier Amal Graafstra hat vor mehr als zehn Jahren mit einem RFID-Chip in der Hand für hitzige Debatten über die Grenzen für den Einsatz von moderner Technologie gesorgt. Der Philosophiedozent Michael Nagenborg organisierte 2008 eine Konferenz zu dem Thema.

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