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Rentenalter : Arbeiten bis zum Umfallen

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Dem Ruf seines Unternehmens gefolgt: Der Pensionär Jochen Michalczyk hatte sich von seinem Unternehmen Otto wegen seines Spezialwissens befristet wieder einstellen lassen. Bild: dpa

Keine Lust auf Ruhe? Viele Deutsche arbeiten auch im Rentenalter. Die Frage ist nur: Ist das freier Wille oder blanke Not?

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          Die blanken Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache - und sie machen nachdenklich: Immer mehr Rentner arbeiten. Die Zahl derer, die hierzulande auch jenseits der 65 Jahre nicht mit dem Arbeiten aufhören, hat sich seit 1991 mehr als verdoppelt, ja sogar fast verdreifacht auf mittlerweile 830.000 Bundesbürger. In der Gruppe der 65- bis 70-Jährigen arbeitet inzwischen mehr als jeder Zehnte. Nun kann man das als politischen Erfolg werten und Gesetzesänderungen zuschreiben wie der Rente mit 67. Denn die beginnt doch offensichtlich zu greifen, wenn sich der Eintritt ins Rentenalter beim Gros der Bundesbürger von 60 auf 62 Jahre verschoben hat. Es könnte aber genauso gut ein Alarmzeichen sein und auf einen Missstand hindeuten: Vielleicht arbeiten immer mehr Rentner weiter, weil ihr Einkommen im Alter nicht ausreicht, um sich zur Ruhe zu setzen.

          Warum also arbeiten Ältere weiter? Genau das haben Studien untersucht, und die Marktforscher kamen dabei zu überraschenden Ergebnissen. Eine repräsentative Befragung des Marktforschungsinstituts Dr. Grieger & Cie. hat für die Bosch Management Support GmbH Arbeitnehmer von 50 Jahren an gefragt, ob sie sich vorstellen können, weiterzuarbeiten - und unter welchen Bedingungen. Herausgeber der Studie war die Unternehmensberatung Media Access. Neben den Arbeitnehmern wurden auch arbeitende Rentner nach deren Motivation befragt. Anschließend verglichen die Marktforscher die Antworten: Fragt man Angestellte über 50, ob sie weitermachen würden, so antworten die mit Dreiviertelmehrheit „ja, aber nur gegen Geld“. Für die Hälfte von ihnen ist das aufgebesserte Einkommen sogar eine Hauptmotivation. Das nährt den Verdacht, dass die Zahl der arbeitenden Rentner zunimmt, weil ihre Rente nicht ausreicht.

          Ein völlig anderes Bild ergibt sich jedoch, wenn man die Unruheständler selbst fragt. Von denen sagen nur noch sieben Prozent, dass Geld sei der Hauptantrieb. Und nur für jeden Fünften spielt das Geld zumindest am Rande eine Rolle. Die weit überwiegende Mehrheit dagegen will aktiv sein und eine sinnvolle Aufgabe haben. Fit bleiben ist ebenfalls eine Hauptmotivation. Die Befragten denken bei der Rentenzeit an Isolation, an wenig Geld und daran, keine Rolle mehr zu spielen. Der Ruhestand scheint also eher ein beunruhigender Zustand zu sein. Arbeit dagegen bedeutet Anerkennung, Selbstverwirklichung und strukturierte Tagesabläufe. Klingt nach lauter hehren Zielen, die Deutschlands arbeitende Rentner antreiben.

          Ist das „soziale Erwünschtheit“?

          Nun fragt man sich: Entspricht das wirklich die Wahrheit? Oder inwieweit spielt hier eine Rolle, was Soziologen bei Umfragen die „soziale Erwünschtheit“ nennen? Geben also am Ende diejenigen, die in Wahrheit ohne zusätzliches Einkommen nicht auskämen, bloß Antworten, die ihre Not nicht zu sehr offenbaren? Schließlich ist die Umfrage auch nur repräsentativ für den höher gebildeten Teil der Bevölkerung. Und bei denen müsste das Geld im Alter doch ausreichen, oder?

          Hier haben andere Studien nachgehakt, etwa vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). Es fragte Unruheständler ebenfalls, warum sie weiterarbeiten, und bekam ebenfalls mehrheitlich zu hören, es sei der Spaß an der Arbeit (das sagten 95 Prozent), die sozialen Kontakte und der Wunsch, fit zu bleiben (jeweils 90 Prozent). Außerdem suchten sie das Gefühl, gebraucht zu werden. Geld verdienen dagegen rangierte mit 73 Prozent eher im Mittelfeld der Antworten. Das glich das BiB mit Einkommen, Bildungs- und Gesundheitszustand der arbeitenden und nichtarbeitenden Rentner ab. Das Ergebnis: Es sind vor allem die gut Ausgebildeten, die arbeiten solange es geht. Also diejenigen, denen man unterstellen darf, dass sie interessanten Tätigkeiten nachgehen und erfüllende Berufe haben. Zudem sagen neun von zehn Befragten selbstbewusst, ihr Wissen sei von großer Bedeutung, das sei ebenfalls ein Anreiz, nicht aufzuhören.

          Bei den arbeitenden Rentnern ist außerdem die Quote der Selbständigen überdurchschnittlich hoch, doppelt so hoch wie bei den jungen Erwerbstätigen, belegen Daten des Statistischen Bundesamts. Daraus schließen Bevölkerungsforscher: Wenn Menschen selbst entscheiden können, wann sie aufhören zu arbeiten - und nicht durch Tarifverträge oder Gesetze zum Ausscheiden genötigt werden -, arbeiten sie häufiger weiter.

          Weniger Geld als der Durchschnittsrentner

          Und nun kommt das Geld: Interessanterweise sind in allen Einkommensklassen die Quoten der jeweiligen Arbeiter und Nichtarbeiter etwa gleich hoch. Würden Rentner hauptsächlich aus finanzieller Not weiterackern, müsste in den unteren Einkommensklassen die Quote der Weiterarbeiter und Nicht-Weiterarbeiter erheblich voneinander abweichen. Sie tun es aber nicht. In der Stufe unter 900 Euro - was laut Definition unter der Armutsschwelle liegt - sind arme Rentner sogar etwas häufiger bei den Nicht-Arbeitern vertreten als bei den Arbeitern. Ein sehr niedriges Einkommen hat also offenbar keinen besonders großen Einfluss auf die Erwerbstätigkeit im Alter.

          Allerdings sorgt das Weiterarbeiten gerade bei den Ärmsten für einen unerwarteten Nebeneffekt. Man könnte ja annehmen, die Schlechtverdiener grämten sich, weil sie weiterarbeiten müssen. Das Gegenteil ist der Fall: Sie sind mehrheitlich zufriedener mit ihrem Einkommen als diejenigen, die genauso wenig haben - aber nicht arbeiten.

          Ein Punkt lässt aber doch nachdenklich werden: Die meisten arbeitenden Ruheständler, nämlich 41 Prozent, haben ein Einkommen von 900 bis 1500 Euro. Sie gelten zwar nicht als arm, haben aber weniger Geld zur Verfügung als der Durchschnittsrentner mit 1500 Euro. Gerade bei diesen Wenigverdienern ist die Zufriedenheit mit dem Einkommen nun trotz Arbeit tendenziell geringer als bei denjenigen, die bei gleichem Einkommen nicht arbeiten.

          Daraus kann man schließen, dass bei diesen Rentnern tatsächlich das Dazuverdienen ein starkes Motiv sein dürfte, das weiter oben auf der Prioritätenskala rangiert als bei anderen. Trotzdem ändert das nichts daran, dass selbst diese Wenigverdiener mehrheitlich mit ihrem Einkommen zufrieden sind und fast immer der Aussage zustimmen: Die wichtigste Motivation fürs Weiterarbeiten sei der Spaß an der Arbeit.

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