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Realwirtschaft statt Finanzbranche : Wenn Banker die Seiten wechseln

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Außerhalb dieses Geschäftsbereichs ergibt es aus Sicht von Personalberater Kasten allerdings nur für bestimmte Konzerne Sinn, Personal von Geldhäusern abzuwerben. „Banker können besonders Unternehmen weiterhelfen, die regelmäßig zukaufen oder vor einer großen Umstrukturierung stehen.“ Das bekannteste Beispiel für den letzten Fall ist Klaus Rosenfeld. Der ehemalige Dresdner-Bank-Vorstand wechselt 2009 zum damals schwer angeschlagenen Autozulieferer Schaeffler. Rosenfeld baut dort den Schuldenberg ab, den Schaeffler nach dem Kauf des Konkurrenten Continental angehäuft hat, und ordnete die Finanzen des fränkischen Familienunternehmens neu. Vom „Finance“-Magazin wird er dafür als „CFO des Jahres“ ausgezeichnet. Im Herbst 2013 übernimmt Rosenfeld nach dem Abgang des langjährigen Vorstandschefs Jürgen Geißinger kommissarisch sogar die Führung von Schaeffler.

In den neunziger Jahren waren die Berufsfelder noch zu verschieden

In den 1990er Jahren war ein Wechsel von der Finanzbranche in die Realwirtschaft noch eine Seltenheit. Die Berufsbilder waren zu verschieden, die Karrieren zu unterschiedlich. Das änderte sich erst mit dem Aufkommen des Investmentbankings auch in Deutschland. Einer der ersten Banker, die den Sprung in die Realwirtschaft gewagt haben, ist Stephan Sturm. Der heute 50-Jährige beginnt seine Karriere bei der Unternehmensberatung McKinsey, wo er in einem Büro mit dem jetzigen Commerzbank-Vorstandsvorsitzenden Martin Blessing und Hypovereinsbank-Chef Theodor Weimer sitzt. Später arbeitet Sturm für Credit Suisse und leitet dort das Investmentbanking in Deutschland und Österreich. Bis Ende 2004 sieht alles nach einer klassischen Banker-Laufbahn aus, doch dann heuert der Manager zur Überraschung aller beim Gesundheitskonzern Fresenius an.

Sturm muss damals viel Überzeugungsarbeit leisten - er ist schließlich der erste Investmentbanker, der direkt in den Vorstand eines Dax-Konzerns außerhalb der Finanzbranche wechselt. Heute ist er froh, dass er nicht wie seine Ex-Kollegen Blessing und Weimer im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit steht, sondern im beschaulichen Kurort Bad Homburg die Firmenstrategie von Fresenius mitgestalten kann.
Schon 2004 sei ihm klar gewesen, dass Fresenius noch viel Potential habe und sich künftig verstärkt über den Kapitalmarkt finanzieren müsse, sagt Sturm. Konzernchef Ulf Schneider und er sind der Ansicht, dass der Gesundheitssektor im Umbruch ist - und dass in manchen Bereichen am Ende weltweit nur wenige Großunternehmen übrig bleiben. „Und wir wollen konsolidieren, nicht konsolidiert werden“, sagt Sturm. „Daraus resultiert ein kontinuierlicher Kapitalhunger.“

Der „Finanzinvestor der Gesundheitsbranche“

Seit Sturms Amtsantritt hat Fresenius die Verschuldung erhöht, sechs Milliarden-Übernahmen gestemmt und den Umsatz fast verdreifacht. Kritiker nennen den Konzern deshalb den „Finanzinvestor der Gesundheitsbranche“. Sturm findet das übertrieben, kann der Bezeichnung aber auch Positives abgewinnen. „Die Ausrichtung an der Kapitalrendite schadet nicht, solange sie nicht das einzige Kriterium ist.“ Die Investoren sind mit dem Kurs zufrieden. Der Wert der Fresenius-Aktie hat sich seit Sturms Amtsantritt mehr als vervierfacht. Auf der Hauptversammlung 2014 lobt ein Aktionär die Cleverness des „Finanzakrobaten“ Sturm und ruft ihm zu: „Ich hoffe, sie werden dafür mit Erfolgsprämien belohnt.“ Banker finden es vor allem beachtlich, dass Fresenius viele Fusionen und Übernahmen (M&A) geräuschlos und ohne externe Hilfe durchzieht. „M&A ist schließlich kein Hexenwerk“, sagt Sturm dazu. „Banker als Berater engagieren wir nur, wenn es die Rahmenbedingungen erfordern.“ Mit Instituten arbeitet der Konzern beispielsweise, wenn der Verkäufer ebenfalls eine Bank mandatiert hat oder wenn es einen Bieterwettkampf gibt. „Bilaterale Verkaufsprozesse stemmen wir dagegen meist aus eigener Kraft“, unterstreicht Sturm.

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