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Rauchen bei der Arbeit : Schall und Rauch

  • -Aktualisiert am

Schaukasten: Raucherbereich eines Berliner Parlamentsgebäudes Bild: Lüdecke, Matthias

Der ewige Kampf: Machen Raucher öfter Pause? Einige Arbeitgeber wollen das Rauchen gesetzlich verbieten. Andere haben schon längst eine Lösung gefunden.

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          Der blaue Dunst ist immer für Ärger gut. Passivraucher beklagen Gefahren für die Gesundheit, Lokalbesucher nervt der Gestank und Arbeitgeber beschweren sich, dass ständig rauchende Mitarbeiter ihnen die Arbeitszeit stehlen. In einem Fall, der vor zwei Jahren vom Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz entschieden wurde, musste ein Arbeitgeber an manchen Tagen fast drei Stunden lang auf die Leistung eines Mitarbeiters verzichten. Der Chemielaborant hatte eine schwere Nikotinsucht und rauchte nach eigenen Angaben 50 Zigaretten am Tag. Schon rein rechnerisch müsste der Mann rund 100 Minuten während der Arbeitszeit aufwenden, um sein Tagespensum an Rauchen zu erfüllen, stellte das Gericht fest.

          In Wirklichkeit verrichtete der Mann seinen Zigarettenkonsum gemütlicher: Beinahe im Stundentakt legte er die Arbeit nieder, zog den Kittel aus und trabte zum Raucherraum. Manchmal kehrte er erst eine halbe Stunde später wieder an den Platz zurück. So jedenfalls hatte es der Arbeitgeber notiert und damit mehrere Abmahnungen und schließlich die fristlose Kündigung begründet. Doch weil der Mann schon im fortgeschrittenen Alter war und seit fast 40 Jahren in dem Betrieb gearbeitet hatte, verwarf das Landesarbeitsgericht die Kündigung als unverhältnismäßig. Ohne Schelte kam der Raucher aber nicht davon: Er könne nicht ernsthaft damit rechnen, dass der Arbeitgeber solche exzessiven Raucherpausen in der bezahlten Arbeitszeit dulde oder gestatte, betonten die Richter. Der Arbeitnehmer habe seine Stelle dadurch „ernsthaft aufs Spiel gesetzt“ (Az.: 10 Sa 562/09).

          Völlig unproduktive Pausen

          Doch von solch mahnenden Worten können sich die Arbeitgeber nichts kaufen. Mario Ohoven, der Vorstand des Bundesverbands der mittelständischen Wirtschaft, hat nun gefordert, Raucherpausen während der Arbeitszeit gesetzlich zu verbieten. Schließlich gingen den Unternehmen durch die Raucherpausen jedes Jahr rund 2000 Euro je Mitarbeiter verloren, sagt Ohoven. Für die deutsche Wirtschaft entstehe ein Verlust von jährlich bis zu 28 Milliarden Euro, wurde Wirtschaftsprofessor Michael Adams von der Universität Hamburg in den Medien zitiert. Was die Berichte nicht erwähnten: Das ist ein Extremwert. „Extrem hypothetisch“, sagt Adams selbst. Denn in dieser Hochrechnung gehe er von völlig unproduktiven Pausen aus. „Die 2000 Euro im Jahr treffen höchstens auf Arbeitnehmer in der Produktion zu, die in einer Pause wirklich gar nichts leisten und vielleicht sogar den Betrieb am Fließband aufhalten“, sagt der Experte für die ökonomische Analyse des Rechts. Bei Bürotätigkeiten seien völlig unproduktive Pausen aber die Ausnahme, weil dort die notwendige interne Kommunikation häufig einfach auf die Raucherpause verlegt werde. Eine realistische Einschätzung dessen, was Raucherpausen die deutsche Wirtschaft wirklich kosten, sei somit nicht möglich.

          Eine gesetzliche Neuregelung hält Adams aber auch unabhängig davon nicht für nötig und teilt damit die Haltung vieler Fachleute zu Ohovens Forderung. Denn Unternehmen können ihre Arbeitnehmer schon jetzt bei Raucherpausen ausstempeln lassen oder die Pausen - gegebenenfalls in Absprache mit dem Betriebsrat - ganz verbieten.

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