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Rabenmütter!? : Milchreis für Managertöchter

„Jungs rumkommandieren!”: Was die Aufgabe einer Managerin ist, haben die Kinder von Birgit Mensing schon früh verinnerlicht Bild: Matthias Lüdecke / F.A.Z.

Als Rabenmutter wurde Birgit Mensing zum ersten Mal beschimpft, als ihre Tochter vier Monate alt war - von einer Verwandten. Heute lobt dieselbe Tante die wohlgeratenen Kinder über den grünen Klee.

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          Manager, das Wort haben Michelle, Anika und Jasmin früh kennengelernt. Weil ihnen der Klang von „Mann“ und „Natsch“ so gut gefällt, sprechen Birgit Mensings Töchter es zwar noch ein wenig anders aus als im Business-English-Kurs, aber was ein Manager macht, das wissen sie schon genau: „Jungs rumkommandieren!“ Mensing lacht, so schnell wie ihre eigenen Kinder erklärt ihr sonst niemand ihre Aufgaben. Als Abteilungsleiterin im Großkundengeschäft von T-Systems ist sie von ihrem Berliner Büro aus für „Presales & Servicemanagement Nord“ zuständig und seit drei Jahren für rund 50 Mitarbeiter verantwortlich.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Um Computer und Technik geht es dabei, typische Männersachen. Die Chefin, 45 Jahre alt und im grauen Hosenanzug unterwegs, ist die einzige Frau in der Abteilung. Dass sie ihren männlichen Kollegen problemlos in die Augen schauen kann, liegt nicht nur an ihrer Körpergröße und der fachlichen Qualifikation, die sie im Ingenieurstudium und in sechs Jahren als Monteurin im Außendienst gesammelt hat. Eine kräftige Portion Durchsetzungsvermögen gehört auch dazu. Ohne sie hätte Mensing auch kaum den Sprung in die Handball-Bundesligamannschaft der Reinickendorfer Füchse geschafft. Vom Kunststück einer Karriere mit drei Kindern ganz zu schweigen.

          „Dass ich zu Hause bleiben könnte, war nie ein Thema“

          Vor 16 Jahren, als sie sich nur vier Monate nach Michelles Geburt für eine ganze Woche mit ihren Handballerinnen ins Trainingslager verabschiedete, sei sie zum ersten Mal als Rabenmutter beschimpft worden, berichtet Mensing. Man sieht ihr den Triumph nicht an, wahrscheinlich empfindet sie es auch gar nicht als solchen - aber neulich auf einem Familienfest sei dieselbe Tante geradewegs ins Schwärmen geraten darüber, wie wohlerzogen und freundlich ihre drei Nichten doch seien.

          „Mein Mann und ich hatten nie das Gefühl, etwas falsch zu machen“, sagt Birgit Mensing bloß dazu. Weder bei Michelle noch bei Anika, die vier Jahre jünger ist, noch bei Jasmin, die gerade zehn geworden ist. Alle drei Kinder haben die Eltern tagsüber zur Betreuung fremden Händen anvertraut, noch ehe sie laufen konnten. „Dass ich zu Hause bleiben könnte, war nie ein Thema“, stellt Mensing im Nachhinein fest.

          Dabei hat sie selbst als Kind ganz andere Erfahrungen gemacht. In Uelzen am Rand der Lüneburger Heide, wo sie zusammen mit einem Bruder und einer Schwester aufwuchs, kümmerte sich ihre Mutter in Vollzeit um die Familie. Gleich hinter dem Haus fing der Abenteuerspielplatz Wald an, vor dem Kindergarten dagegen nahm Birgit Mensing Reißaus. „Ich rebellierte regelrecht dagegen, ich passte nicht in das dort angewandte Konzept der behüteten Beschäftigung.“ Nur ein paar Wochen lang hielten ihre Eltern dagegen, dann ließen sie die damals Vierjährige wieder auf eigene Faust im Wald spielen.

          Den Haushalt und die Wäsche schleifen lassen

          Mensings Tochter Michelle war zur Rebellion zu jung, als sie zum ersten Mal in die Liegekrippe gebracht wurde, sechs Monate nach ihrer Geburt. Heute ist sie fast so groß wie ihre Mutter und im Gymnasium eine 15-Punkte-Kandidatin - nicht nur in Informatik, wo sie das einzige Mädchen im Kurs ist. Auch sonst gibt es Parallelen: Nach der Schule will sie vielleicht Ingenieurin werden, und Handball spielt sie dreimal die Woche. „Ich finde, unsere Eltern haben das richtig gut gemacht“, sagt sie. „Sogar, dass wir manchmal die Kinder waren, die als letzte abgeholt wurden, hatte einen Vorteil. Dadurch haben uns jedenfalls schnell alle im Hort gekannt.“

          Aber diese Situationen habe sie so oft wie möglich zu vermeiden versucht, betont Birgit Mensing, denn die gefühlte Kluft zwischen „Ganztagskindern“ und „Halbtagskindern“ sollte nicht zu groß werden. Nicht vom Abholen, sondern vom „Kinderretten“ spricht sie dabei mit rauhem Humor. Sowohl ihr Mann, ein Softwareentwickler bei SAP, als auch sie selbst hätten stets flexible Arbeitszeiten gehabt. Einer sei morgens schon sehr früh aus dem Haus gegangen, um am Nachmittag die Kinder einigermaßen früh zu retten; der andere habe morgens mit ihnen gefrühstückt und sei dafür abends länger im Büro geblieben.

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