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Psychologie : Was Macht aus uns macht

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          Gib einem Menschen Macht und du erkennst seinen wahren Charakter, lautet ein geläufiges Sprichwort. Falsch, sagen Psychologen. Nicht der wahre Charakter wird dann sichtbar, sondern ein neuer. „Wenn Sie in eine Position mit Macht kommen, dann kommen Sie in eine neue Situation. Sie sind nicht mehr der alte Mensch“, sagt etwa Philip Zimbardo, emeritierter Professor für Psychologie an der amerikanischen Stanford University. „Jeder kann gut oder böse werden.“ Zimbardo ist berühmt geworden durch das Stanford-Gefängnis-Experiment, das er mit Freiwilligen im Sommer 1971 im Keller der Psychologischen Fakultät der Universität in Kalifornien durchgeführt hat.

          Es endete in einem Desaster. Die sorgsam ausgesuchten und auf geistige Durchschnittlichkeit und Gesundheit getesteten Teilnehmer mutierten bis auf wenige Ausnahmen in machtbesessene Wärter und unterwürfige, sich erniedrigende Gefangene. Sogar Philip Zimbardo selbst ließ sich von dem Experiment vereinnahmen. Obwohl er es die ganze Zeit leitete, filmte und Interviews führte, musste ihn eine ehemalige Doktorandin erst auf die Entgleisungen aufmerksam machen. Inzwischen ist Zimbardo einer der bekanntesten Erforscher der Macht, unter anderem war er Gutachter für die Folterer von Abu Ghraib im Irak. „Macht verändert unweigerlich - zum Guten oder zum Schlechten“, formuliert Zimbardo seine These. Leider meist zum Schlechten.

          „Nur in den seltensten Fällen kann jemand Machtmissbrauch widerstehen“

          Das gilt nicht nur in der Gefängnissituation. Auch in Unternehmen kann Macht korrumpieren, Karrieren zerstören und den Erfolg eines Betriebes ernsthaft behindern. Ethisch fragwürdige Praktiken zur Machtsicherung mündeten zum Beispiel im Fall der Deutschen Telekom und der Deutschen Bahn in Bespitzelungsmaßnahmen. Bei Siemens, MAN und VW halfen Manager ihrem Erfolg mit Schmiergeldzahlungen aus schwarzen Kassen nach. Ob in der HSH Nordbank unliebsame Manager mit unsauberen Methoden aus ihren Ämtern gedrängt wurden, wird noch heftig diskutiert.

          „Machtbeziehungen gibt es überall, in jedem sozialen Gefüge“, sagt Erich Witte, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Hamburg. „Und nur in den seltensten Fällen kann jemand Machtmissbrauch widerstehen.“ Wenn ein Mensch erst einmal Macht bekomme, falle es äußerst schwer, sie nicht zum eigenen Vorteil einzusetzen. Egal, wie freundlich und hilfsbereit die Person vorher gewesen sei. Es handele sich dabei um einen evolutionär begründeten Mechanismus, der automatisch ablaufe, wenn man nicht bewusst dagegen ankämpfe.

          Doch genau das scheint für viele Machthabenden unmöglich zu sein. Psychologen sprechen von dem „Paradoxon der Macht“: Gewöhnlich erhält niemand Macht, weil er unfreundlich, despotisch und rücksichtslos ist. Im Gegenteil steigen besonders leicht die Kollegen auf, die beliebt sind. Anstatt hilfsbereit, ehrlich und offen zu bleiben, werden sie nach der Beförderung aber plötzlich herrisch und unzugänglich. Sachliche Kritik wird dann nicht mehr als potentiell konstruktiv empfunden, sondern als böswilliger Versuch einer Demontage. Fähige Mitarbeiter werden als Konkurrenten identifiziert und abgesägt, um den Olymp der eigenen Macht zu sichern. Teure Geschäftsessen, Sekretärinnen, der Oberklassewagen und ein großes Büro - der Machthabende grenzt sich zunehmend von seinen Mitarbeitern ab. Besonders effektiv sind dabei lange Wartezeiten. Unkompliziert an Termine mit dem Chef kommen dann nur noch Personen, die dieser zu seinem inneren Zirkel zählt und die seine Macht stützen.

          „Nach Macht zu streben, ist etwas zutiefst Menschliches“

          Solche Verhaltensmuster tragen pathologische Züge. Der Psychologe Dacher Keltner von der Universität Berkeley hat herausgefunden, dass Menschen mit Macht sich tendenziell wie Menschen mit einem Hirnschaden benehmen. „Man kann Machterfahrung als einen Vorgang beschreiben, bei dem jemand einem den Schädel öffnet und den Teil rausnimmt, der besonders wichtig für Empathie und sozial angemessenes Verhalten ist“, sagt er.

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