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Psychologie : Einfach mal abschalten

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Unser Hirn ist nicht dafür gemacht, doch Multitasking ist in Mode, ebenso wie die ständige Erreichbarkeit. Arbeitnehmer tun sich damit keinen Gefallen, warnen Forscher. Wer sich dem Wahn unterwirft, zerstört sein eigenes Werk.

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          Die Ansprüche sind unmenschlich im Informationszeitalter. Es reicht nicht mehr, wenn das Hirn des ambitionierten Bewerbers nur gut denken kann, signalisieren die Stellenanzeigen. Nein, zum gefragten Profil eines Bewerbers gehört die "Fähigkeit, umfangreiche und verschiedene Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten". Als ganz banal erachtet es der Inserent einer aktuellen Annonce, dass der Mensch an seinem grauen Bürotisch schier übermenschliche Fähigkeiten vollbringt: "Als Personaldisponentin zeichnen Sie sich durch vorausschauendes Planen, Koordinieren und Multitasking aus." Multitasking. Ein Zauberwort des 21. Jahrhunderts, Synonym für wirtschaftliche Grenzenlosigkeit - und eine Chiffre für falsches Anspruchsdenken.

          Das Zeitalter der Multi-Kompatibilität schreitet voran, nicht nur in den inzwischen zu Medienzentren aufgerüsteten Mobilfunkgeräten, sondern in der Arbeitswelt ganz allgemein regiert das Postulat der lücken- und grenzenlosen Verfügbarkeit. Multitasking, die Fähigkeit, parallel E-Mails zu lesen, zu beantworten und zeitgleich mit dem Geschäftspartner aus Kalifornien über einen neuen Vertriebsvertrag zu telefonieren, um scheinbar Zeit zu sparen, ist das Hard Skill der I-Conomy. "Derzeit ist Multitasking absolut in Mode", weiß Florian Koenen von der Topos Personalberatung in Hamburg, "und gerade Führungskräfte hinterfragen den Begriff und die Anforderungen selten."

          Kommunikationsstress als Statussymbol?

          Dabei würde es sich durchaus lohnen, den kritischen Stimmen zu lauschen, die wissenschaftlichen Ergebnisse zu reflektieren. Menschen, die zu wenig Zeit haben und dabei viel zu tun, packen viele Aufgaben gleichzeitig an, "aber das ist allein hirntechnisch nicht möglich", sagt Gerald Hüther, ein Vordenker der deutschen Neurobiologie von der Universität Göttingen. Kommunikationsstress als Statussymbol? Der amerikanische Schriftsteller Walter Kirn erwartet jeden Moment den großen "Multitasking Crash", die "Attention-Deficit Recession". Und auch das neueste Buch der deutschen Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel von der Universität St. Gallen widersetzt sich dem allgemeinen Gebimmel. Der Titel: "Das Glück der Unerreichbarkeit".

          Das Gespräch mit dieser Zeitung muss Meckel in der U-Bahn über das Mobiltelefon führen. Sie ist in diesem Moment selbst eine "Simultantin", wie sie in ihrem Buch jene Menschen nennt, die beim Samstagseinkauf ihre Arbeit übers Handy mit dem Kollegen diskutieren. Aber sie sagt: "Das bedeutet nicht, dass ich meinen Prinzipien untreu geworden wäre. Ich sehe sie nicht als eiserne Regeln für jeden Moment." Vielmehr mahnt die Forscherin zur allgemeinen Zurückhaltung: Man brauche nicht ständig überall seine Mails zu lesen, wie wild zu telefonieren. Man konzentriere sich auf eine Sache - und sei derweil für andere Gesprächspartner und Dinge unerreichbar. "Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit - aber wir haben sie verlernt", sagt die Professorin, die übrigens einen guten Grund hat, in der U-Bahn zu telefonieren. Der ursprüngliche Telefontermin war ausgefallen, weil sie ihre Koffer nach einem Flug nicht bekommen hatte und deswegen vor einem Vortrag Ersatzkleidung beschaffen musste.

          „Crackberry“ ist mehr als ein Wortwitz

          Meckel merkt an den Reaktionen ihrer Gesprächspartner, dass sie einen Denkprozess angestoßen hat. Viele Menschen fühlen, dass der Begriff "Crackberry" für den schwarzen Organizer vielleicht doch mehr bedeutet hat als einen billigen Wortwitz. Wer einmal eine SMS abgeschickt und dann aufs Gas gedrückt hat, obwohl er im Stau vor der roten Ampel stand, und so das Vorderauto gerammt hat, begreift: Multitasking schadet. Das Grün der Taste, die man zum Senden drückt, ist im Kopf mit dem Signal fürs Losfahren durcheinandergeraten. Peng. "Die Forschung zeigt deutlich, dass man zumindest strenggenommen niemals zwei Aufgaben zur gleichen Zeit erledigen kann", fasst der Aachener Kognitions- und Experimentalpsychologe Iring Koch zusammen, "in Experimenten zeigen sich deutliche Leistungseinbußen bei einer oder gar beiden Aufgaben."

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