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Psychologie am Arbeitsplatz : Jung, selbstherrlich, gescheitert

Die Stadt im Ruhrgebiet gefiel dem Skiläufer allerdings weniger gut. Und dumm auch, dass er von jetzt auf gleich ein Team führen, jeden nach seinen Stärken und Schwächen einsetzen und dringende Aufträge abwickeln musste. Sein Problem: Als Indianer musste er den Häuptling darstellen. „Vorgesetzte um Rat fragen, verbot mir damals mein Stolz.“ Als der Anfänger merkte, dass die anderen die Aufgaben in der Kürze der Zeit nicht bewältigten, suchte er nicht etwa das klärende Gespräch, sondern wurde schärfer im Ton. Zackig hatte das zu laufen, insistierte der Jungakademiker. Das Ergebnis: Leistung und Stimmung verschlechterten sich. Sein autoritärer Führungsstil sprach sich herum. Die zu Befehlsempfängern degradierten Mitarbeiter machten Dienst nach Vorschrift.

Gekündigt - aus falschem Stolz

Mit diesem Arbeitseinsatz war an die pünktliche Abwicklung der Aufträge nicht mehr zu denken. Die Chefs entzogen dem Motivationsvernichter Angerer den Leitungsposten, schlugen ihm ein Traineeprogramm vor. Eigentlich eine richtige Entscheidung, findet er heute, damals war das mit seinem Selbstbild schwer vereinbar. „Ich habe gekündigt und bin zu einem anderen Arbeitgeber gewechselt.“ Die Niederlage hat er noch nicht ganz verwunden, verrät sein leicht bitterer Unterton. Inzwischen hat er Seminare zur Führungskultur besucht, diskret und auf eigene Kosten. „Früher habe ich so was unter Gequatsche abgebucht, das war wohl ein Fehler. Jetzt profitiere ich davon“, räumt er reumütig ein.

Diese „Was kostet Hamburg mit Beleuchtung“-Typen finden sich immer wieder gerade unter den so begehrten High Potentials. Die Personal- und Managementberatung Kienbaum hat untersucht, woran gerade diese vielversprechenden Absolventen scheitern: Ihre Anspruchshaltung sei zu hoch, sie erlägen der Selbstüberschätzung, ihnen mangele es an Selbstkritik, monieren die Unternehmen.

„Da kommen Absolventen, die haben sich umfangreiches Uniwissen angeeignet, kennen ,theoretisch‘ die hohen Weihen der Unternehmensführung, aber sie steigen natürlich auf unteren Hierarchieebenen ein“, sagt Sörge Drosten, Mitglied der Geschäftsführung. Nicht unproblematisch sei auch das Selbstbild etwa der Absolventen der Privatunis. „Sie werden oft hochgejubelt, aber selbst den Topleuten fehlt natürlich die notwendige Praxiserfahrung.“ Und mitunter auch die Fähigkeit zur Selbstkritik. „Manche neigen dazu, bereits in den ersten Tagen nassforsch Dinge zu hinterfragen und damit etablierten Mitarbeitern vor den Kopf zu stoßen.“ Dabei gehe es darum, „erst mal die unternehmerischen Gegebenheiten auf sich wirken zu lassen und zu verstehen“, sagt der promovierte Betriebswirt und Psychologe. Überzogene Ansprüche beziehen sich meist auf die Tätigkeit. Wer am liebsten gleich den Vertrieb umstrukturieren möchte, statt – zunächst einmal – Zahlenkolonnen auszuwerten und sich operativen Aufgaben zu widmen, der ist unzufrieden. Hier mangelt es an einer realistischen Haltung.

Aus Unsicherheit wird Arroganz

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