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Arbeitsmarktintegration : Mohammeds weiter Weg zur Festanstellung

Schwere Sprache: Mussi, Ahmed und Samira büffeln. Ein syrischer Zahnarzt ist im Klassenraum bisher nicht aufgetaucht. Bild: Jan Roeder

Erst die lateinische Schrift lernen, dann deutsche Wörter, dann Grammatik. Vielleicht irgendwann ein Praktikum machen. Ein Projekt in München zeigt, wie mühsam es ist, Flüchtlinge in Arbeit zu bringen.

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          Die jungen Männer reden schon wie richtige Metallarbeiter: „Entgraten, fräsen, anreißen, körnen“, zählen sie auf. „Und feilen, immer feilen, feilen, feilen“, sagt Mohammed aus Eritrea. Die anderen lachen: Das kommt ihnen bekannt vor. Denn parallel zu ihrem Deutschkurs arbeiten sie mit einem Ausbilder an ihrem Werkstück: „Einer kleinen Lok“, wie Mohammed erzählt. Und feilen mussten sie daran schon viel.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Mohammed und einige weitere Männer aus Eritrea, Samira aus Pakistan und Amad aus Afghanistan arbeiten an diesem Herbsttag auch nachmittags noch konzentriert, dabei haben sie schon einige Stunden Deutschunterricht hinter sich. Von 08.30 bis 15.45 Uhr büffeln sie jeden Tag, lernen den Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ, Jahres- und Uhrzeiten und schreiben an ihrem Lebenslauf. Das Münchener Oktoberfest ist nur etwa 100 Meter entfernt, doch mit Gaudi hat das hier nichts zu tun. Denn für die Asylbewerber geht es um viel: Sie wollen in Deutschland Arbeit finden und sich ein neues Leben aufbauen.

          Modellprojekt „Integration durch Arbeit“

          Die Chancen stehen für sie besonders gut, besser zumindest, als für viele andere, die derzeit nach Deutschland kommen. Sie wurden ausgewählt für das Modellprojekt „Integration durch Arbeit“ der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, der Bundesagentur für Arbeit und des Bayerischen Arbeitsministeriums. Es richtet sich an Asylbewerber, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in Deutschland bleiben dürfen und schon eine Berufsausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben. 26 Asylbewerber nehmen in München an dem Projekt teil, weitere 79 sind es in Nürnberg, Augsburg, Regensburg und Mainburg. Doch selbst in dem Modellprojekt, für das die am besten geeigneten Kandidaten ausgesucht wurden, werden die Probleme bei der Integration von Asylbewerbern in den Arbeitsmarkt schnell sichtbar.

          Asylpolitik : Ausbildung für Flüchtlinge in Deutschland

          „Jeder hat sein Paket mitgebracht“, sagt Projektleiter Martin Stiemer. Was er meint: Viele Flüchtlinge sind traumatisiert, haben Albträume, werden auch im Alltag von ihren Erinnerungen eingeholt und schneller krank. Hinzu kommt: Selbst wenn sie in ihrer Heimat einen Abschluss gemacht haben, können viele Asylbewerber einem potentiellen Arbeitgeber dafür oft keinen Nachweis vorlegen. Als der größte Knackpunkt aber gilt die Sprache. „Kurzfristig werden wir den Fachkräftemangel durch Flüchtlinge nicht lösen“, konstatiert Stiemer nach wenigen Monaten, die das Projekt nun läuft. Wer nicht deutsch spricht, findet keine Arbeit, darum verläuft das Mammutprojekt in Zeitlupe. Die Nachfrage der Arbeitgeber ist durchaus vorhanden, viele würden angesichts von Fachkräftemangel und Lehrstellenlücke gern einige der 800000 Flüchtlinge einstellen, die in diesem Jahr offiziell in Deutschland erwartet werden.

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          Trotz des derzeit enormen Zustroms sagt Anja Bammert, Teamleiterin im Flüchtlingszentrum der Münchener Arbeitsagentur: „Wir suchen händeringend nach Flüchtlingen.“ Es ist ein Satz, der fast absurd klingt in diesen Tagen, und doch zeigt er, dass viele der Asylbewerber, die derzeit nach Deutschland kommen, eben noch nicht so weit sind, dass sie schon eine feste Stelle antreten oder eine Ausbildung beginnen können. Um das zu ändern, schickt die Münchener Arbeitsagentur nun fast jeden Asylbewerber, der eine Arbeitserlaubnis hat, in ein viermonatiges Programm namens „Fit in Arbeit“. Das beinhaltet einen Intensivsprachkurs, ein vierwöchiges Praktikum in einer Schreinerei oder einer Autowerkstatt, in einem Restaurant oder in einer Bäckerei.

          Wie groß der Ansturm sein wird, können die Mitarbeiter noch nicht abschätzen, erst mit Verzögerung wird er sich auch bei ihnen bemerkbar machen. Denn erst drei Monate nach der Abgabe des Asylantrags haben Flüchtlinge Anspruch auf eine Arbeitserlaubnis und können an berufsbezogenen Sprachkursen teilnehmen. Markus Schmitz, Leiter der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit, bezeichnet die Flüchtlingskrise aber schon jetzt als die arbeitsmarktpolitisch „größte Herausforderung seit der Wiedervereinigung und der Finanzkrise“. Rund 12000 Menschen mit Fluchthintergrund betreuen die bayerischen Agenturen und Jobcenter derzeit.

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