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Internetmilliardär Peter Thiel : Der Freidenker aus dem Silicon Valley

Internetinvestor Peter Thiel denkt nicht in konventionellen Dimensionen. Bild: Lucas Wahl

Der Milliardär Peter Thiel gründete Paypal und finanzierte Facebook. Nun attackiert er die Harvard-Elite und animiert zum Studienabbruch - und widerspricht damit seinem eigenen Lebenslauf. Ein Porträt.

          5 Min.

          Ohne den deutschstämmigen Peter Thiel wäre das Silicon Valley nicht das, was es heute ist. Den Online-Bezahldienst Paypal hat er mitgegründet und geführt, bis er ihn vor zwölf Jahren für 1,5 Milliarden Dollar an Ebay verkaufte. Sein Founders Fund ist beteiligt an dem Zimmervermittler Airbnb und der Big Data-Firma Palantir, die dem CIA zu Diensten ist. Doch bekannt wurde er als erster Investor und Miteigentümer von Facebook, der nicht zum Management gehörte.

          Corinna Budras

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass ein virtuelles, interaktives Poesiealbum einmal Milliarden Nutzer anziehen würde? Vielleicht nicht einmal Peter Thiel, aber wenigstens war er unangepasst (und vermögend) genug, um eine halbe Million Dollar in Mark Zuckerbergs Visionen zu stecken. Zurück bekam er rund eine Milliarde Dollar und einen Sitz im Verwaltungsrat.

          Seine ersten großen Erfolge hatte er schon, als er noch keine 40 war. In der Folge vertrauten Investoren seinem Hedgefonds Clarium Milliarden an und verloren viel davon. Aber Amerika liebt seine Sieger und verzeiht den Verlierern. Inzwischen ist Peter Thiel 46 Jahre alt, hat noch mehr Geld angehäuft, sein Vermögen wird auf 2,2 Milliarden Dollar geschätzt, und sein Selbstbewusstsein ist ungebrochen. Auf der Forbes-Liste der Reichen nimmt er Platz 4 ein - in der Unterkategorie der erfolgreichsten Wagniskapitalgeber. Das gibt ihm vor allem eins: Narrenfreiheit. Und die nutzt Peter Thiel weidlich.

          „Wettbewerb ist etwas für Verlierer“

          Gerade hat er ein Buch im Campus-Verlag herausgebracht, das es in sich hat: „Zero to One“ heißt es ganz unverdächtig. Doch damit fährt er so ziemlich jedem an den Karren, der sich ernsthaft bemüht, im harten Wettbewerb mit Würde zu bestehen. Völlig überflüssig findet er das. Wer sich mit anderen misst, ist nicht geistreich genug, findet Thiel.

          Das Einzige, was ihm Respekt abnötigt, sind Ideen, die so einzigartig und genial sind, dass sie alles andere um sich herum plattmachen. Die Internetsuchmaschine Google und der Computerhersteller Apple sind solche glorreichen Ausnahmen, alle anderen haben nur noch nicht begriffen: Wettbewerb ist etwas für Verlierer. Wirklich erstrebenswert ist nur das Monopol, das aus originellen Ideen erwächst. Thiel will Visionen, Utopien, bloß keinen Mainstream.

          Das alles könnte ziemlich elitär klingen, gäbe es nicht in Thiels Augen ein simples Geheimrezept, das geradewegs in das gelobte Monopol führt: Querdenken. Diese Nachricht trägt er nun in die Welt, wie an diesem Samstagmorgen im Auditorium der Bucerius Law School in Hamburg. Hunderte von Studenten und Startup-Gründern haben sich dort versammelt, um den Autor zu sehen. Sein Buch steht schon auf Platz 2 der Bestsellerliste der „New York Times“. Amerika, das Land des lustvollen Wettbewerbs, ist in Wallung gebracht. Das „Fortune Magazine“ hat Thiel jüngst in seiner Titelgeschichte zum führenden Intellektuellen Amerikas gekürt.

          Er basht die Elite, zu der er selbst gehörte

          In Hamburg jedenfalls herrscht Aufbruchstimmung, schließlich weiß hier endlich einer, wo es langgeht. Und der kann das nicht nur äußerst charmant, sondern auch auf Deutsch rüberbringen. „Wenn man die Welt verändern möchte, ist es besser, etwas zu tun, bei dem man nicht mit Leuten konkurriert“, sagt er. Peter Thiel ist zwar vom Habitus und von der Denkweise durch und durch Amerikaner, aber er wurde in der Nähe von Frankfurt geboren. Ein Jahr war er alt, als seine Eltern nach Amerika auswanderten. Deutsch spricht er ohne größere Zwischenfälle.

          Außerdem hat er hübsche Geschichten zu erzählen, über die chaotischen Anfänge von Facebook, als Yahoo im Juli 2006 eine Milliarde Dollar bot für ein Startup, das gerade einmal 4 bis 5 Millionen Studenten aufweisen konnte, aber keinen Profit. „Das klang nach einer Menge Geld“, erzählt Thiel, und der Saal biegt sich vor Lachen. Am Ende lehnte Zuckerberg ab, und die Erklärung klingt wunderbar amerikanisch: „Yahoo glaubte überhaupt nicht an unsere Zukunft.“ Im Gegensatz zu Thiel natürlich: „Uns war die Idee wichtiger als das Geld.“ Merke: Geld kann auch lästig sein. Jedenfalls dann, wenn es einem mehr wert ist als das, was man damit tun kann.

          Er erzählt dem begierigen Publikum von seinen Erfolgen. Überdies hat er Gefallen am Bashing von Eliten, präziser: der Harvard-Elite der Gleichförmigen. Das ist seine Masche. Allerdings war er selbst einmal einer von ihnen, und daraus macht er keinen Hehl. Ganz im Gegenteil: Seine Vergangenheit gehört zum Narrativ, sie ist der leibhaftige Beweis, dass er weiß, wovon er redet.

          Mit der Ostküstenkarriere wurde es nichts

          Früher gehörte Thiel tatsächlich zum Establishment. Talentiert, klug und belesen war er schon früh, zudem ein Schachgenie. Der Weg zur Eliteuniversität Stanford war vorgezeichnet, es fehlte nur noch die Fächerwahl. Und die fiel klassisch aus: Jura und Philosophie. Die großen Fragen der Menschheit haben ihn schon früh interessiert: der Sinn des Lebens, Gerechtigkeit, all das.

          Sein Weg führte ihn geradewegs in eine New Yorker-Wall Street-Anwaltskanzlei, an einen Ort also, in den, wie er es formuliert, „alle rein wollten, die draußen waren. Und alle raus, die drinnen waren.“ Das Leben dort fand er grauenhaft, ein „Alcatraz“ der eintönigen Arbeit und endlosen Schufterei. Sieben Monate und drei Tage hielt er es dort aus.

          Gleichzeitig steckte er die wohl größte Niederlage seines Lebens ein: Er bewarb sich am Obersten Gerichtshof in Washington und wurde abgelehnt. Im Rückblick hält er die Niederlage auch für die gewinnbringendste seines Lebens. Denn für ihn markierte sie schon den Anfang vom Ende seiner klassischen Ostküsten-Karriere. Ein paar Jahre ackerte er noch in einer Investmentbank, ehe er New York und seinem früheren Leben den Rücken kehrte, um nach Kalifornien zu gehen.

          „Schockierend unorganisiert“

          Ohne das Silicon Valley wäre Peter Thiel nicht das, was er heute ist. Ende der neunziger Jahre ist das der Ort auf der Welt, wo alles möglich ist. Wo nicht Standardlösungen die Welt erobern, sondern krude Ideen. Und in der postpubertäre Gründer quasi über Nacht zu Millionären werden. Peter Thiel entwickelte zusammen mit seinen Partnern den Online-Bezahldienst Paypal und brachte ihn an die Börse, kurz bevor die erste Internetblase zerplatzte.

          „Zero to one“ heißt Peter Thiels Buch. Der Titel klingt harmlos, der Inhalt bestätigt dies jedoch nicht.
          „Zero to one“ heißt Peter Thiels Buch. Der Titel klingt harmlos, der Inhalt bestätigt dies jedoch nicht. : Bild: Campus Verlag

          Fragt man nach seinem Erfolgsgeheimnis, wird er bescheiden: „In den vergangenen 15 Jahren ist es mir ganz gut gelungen, das große Ganze im Blick zu halten.“ Das Klein-Klein der Detailverwaltung liege ihm nicht. Ständig werde er gefragt, wie man sich als Startup organisieren muss, beklagt er lachend. Geradezu „schockierend unorganisiert“ sei er.

          2002 verkaufte er Paypal an die Auktionsplattform Ebay für 1,5 Milliarden Dollar. Damals war das unverschämt viel Geld, inzwischen allerdings eher ein Schnäppchen. Mittlerweile hat Paypal einen Umsatz von 6,6 Milliarden Dollar, 152 Millionen Nutzer und gehört zu Ebays Kronjuwelen. Gerade erst hat Ebay bekanntgegeben, dass es Paypal wieder abspalten und separat an die Börse bringen möchte.

          Ein echter Aussteiger sieht anders aus

          Das Silicon Valley mag sich noch so sehr als Hort der Unangepassten definieren. Letzten Endes gehören die milliardenschweren Techies an der kalifornischen Westküste inzwischen unweigerlich selbst zu einer ziemlich etablierten Elite mit eigenen Ritualen. Das macht das Aussteigen gemütlich. In den Eliteuniversitäten und Grandhotels dieser Welt verkehrt Peter Thiel noch immer, nur die Botschaft ist eine andere. Besonders deutlich wird das an einem seiner Lieblingsprojekte: Vor vier Jahren sorgte er mit einem Fellowship-Programm für Furore, mit dem er 20 Menschen unter 20 Jahren den Lebensunterhalt mit 100.000 Dollar finanziert. Die Bedingung: Sie müssen sich - zumindest vorerst - gegen ein Studium an der Uni entscheiden, um ihr eigenes Startup zu gründen. Herausragende Ökonomen wie Larry Summers ätzten gegen das Programm, das in ihren Augen nichts weniger vorhatte, als junge Menschen von der Wissenschaft fernzuhalten. Thiel lässt sich von so etwas nicht entmutigen.

          Doch eine simple Frage bringt ihn ins Schleudern: Hätte er selbst sein Studium geopfert für ein Startup? Wer jetzt mit einem überzeugten Ja rechnet, ist verblüfft. So amüsant und selbstbewusst er vor versammelter Mannschaft parlieren kann, so nachdenklich, geradezu scheu ist er mitunter im persönlichen Gespräch. Lange denkt er über die passende Antwort nach, ringt nach Worten. Dann flüchtet er sich in lange Ausführungen darüber, wie anders die Zeiten damals gewesen seien. Irgendwann kommt dann die Antwort: Nein, er würde wohl wieder in Stanford studieren, wieder Jura. Aber immerhin aus anderen Gründen. Ein echter Aussteiger sieht anders aus.

          So wirkt eher einer, der den Widerspruch liebt, auch in sich selbst. Und sich das auch leisten kann. Offen schwul ist er, gleichzeitig konservativ und liberal, je nachdem ob es um die Gesellschaft (liberal) oder um Staatsfinanzen (konservativ) geht. Zur Politik hat er eine „schizophrene Haltung“, wie er selbst einräumt. Weil sie einerseits so wichtig und dann wiederum so unbeweglich ist. Deshalb investiert er schon lange in eine reichlich absurde Idee: Er unterstützt Leute, die auf künstlichen Inseln jenseits der Hoheitsgewässer libertäre Kleinstaaten gründen wollen. Gleichzeitig gibt er dem libertären Präsidentschaftskandidaten Ron Paul Geld. Wenn schon querdenken, dann eben richtig.

          Der Mensch

          Peter Thiel kam am 11. Oktober 1967 in der Nähe von Frankfurt am Main zur Welt. Ein Jahr später wanderten die Eltern mit ihm nach Amerika aus. Er studierte Jura und Philosophie an der Stanford-Universität in Kalifornien. Danach arbeitete er in der Wirtschaftskanzlei Sullivan & Cromwell in New York, dann in einer Investmentbank. 1998 kam der Bruch: Er ging zurück nach Kalifornien, wo er mit zwei Partnern den Online-Bezahldienst Paypal gründete. Vier Jahre später verkaufte er ihn an Ebay und bekam mit einem Schlag 50 Millionen Dollar. 2004 steckte er als erster Investor Geld in Facebook. Peter Thiel ist offen homosexuell und lebt in San Francisco schon seit Jahren in einer festen Partnerschaft.

          Die Firmen

          Als Investor hat Peter Thiel ein Sammelsurium an Fonds gegründet, mit denen er die unterschiedlichsten Projekte finanziert. Zu seinen wichtigsten gehört der Founders Fund, den er 2005 mitgegründet hat. Über ihn gibt er Wagniskapital an Startups mit dem Anspruch, revolutionäre Technologien zu entwickeln, darunter Airbnb, Spotify, SpaceX und seine Computerfirma Palantir Technologies, die sich auf die Datenanalyse spezialisiert hat. Er ist Präsident des Hedgefonds Clarium Capital, der allerdings in der Finanzkrise den Großteil seines Wertes verlor. Über seine Thiel Foundation engagiert er sich gemeinnützig, etwa mit einer Millionenspende für ein Forschungsprojekte gegen das Altern.

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