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Therapeutin über Beziehungen : „Männer hören zu, wenn es um Arbeit geht“

Esther Perel Bild: dpa

Die Therapeutin Esther Perel widmet sich in einem Podcast dem Thema Arbeitswelt. Sie glaubt: „Zwischen romantischen Beziehungen und Beziehungen am Arbeitsplatz gibt es keinen großen Unterschied.“

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          „Und, wie läuft es bei der Arbeit?“: Mit dieser allseits bekannten Plattitüde leitet die Psychotherapeutin und Autorin Esther Perel jede der bislang neun erschienenen Episoden ihres Podcasts „How’s Work?“ ein – nur um in der darauffolgenden knappen Stunde knietief und manchmal bis an die emotionale Schmerzgrenze in die komplexen Beziehungsstrukturen zweier Menschen einzutauchen, die in irgendeiner Weise miteinander arbeiten.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Da gibt es etwa eine Mutter, die ihren Sohn und Unternehmenserben fragt, ob er sie denn noch für irgendetwas brauchen werde, wenn sie bald in Rente gehe. Oder es treten zwei Kampfjetpiloten auf, die jahrelang erst im Irak und in Afghanistan, später dann im eigenen Unternehmen zusammengeschweißt waren und nun getrennte Wege gehen. Für sie fühlt es sich an wie eine schmerzhafte Scheidung. Oder da ist der Geschäftspartner, der just während der Aufnahme des Podcasts merkt, dass der andere ihn schon seit einer Weile langsam, aber sicher aus dem gemeinsamen Betrieb schmeißen will. Oder da ist die Sexarbeiterin, die beschreibt, wie sie verschiedenen Menschen ihren Beruf erklärt – von den Großeltern bis hin zu den Kommilitonen an der Uni.

          Ein offizieller und ein inoffizieller Lebenslauf

          „Zwischen romantischen Beziehungen und Beziehungen am Arbeitsplatz gibt es keine großen Unterschiede. Nur der Kontext ist anders“, sagt Perel. Die 62 Jahre alte Belgierin muss es wissen: Ihre Bücher, Podcasts und Ted-Talks über Liebesbeziehungen und Sexualität in der modernen Gesellschaft sind auf der ganzen Welt bekannt, wurden schon millionenfach gekauft oder gestreamt. Dass sie sich mit ihrem neuen Podcast nun der Arbeitswelt widmet, erklärt Perel damit, dass sich die zwischenmenschlichen Beziehungen dort gerade rasant veränderten und sie insgesamt mehr Männer ansprechen will: „Ich dachte: Wenn es um die Arbeit geht, werden sie zuhören.“

          Perel hat viele Thesen zu der Beziehungswelt am Arbeitsplatz: etwa dass jeder Mensch einen offiziellen und einen inoffiziellen Lebenslauf hat. Ersterer führe Ausbildung und Arbeitserfahrung auf. In dem zweiten aber werde es erst so richtig interessant: Darin steht etwa, wie viele Geschwister jemand hat, ob er schon früh Verantwortung in der Familie übernehmen musste, welchen Grad an Autonomie und Miteinander er für angemessen hält – „das sind großartige Informationen, die aber in den seltensten Fällen abgefragt werden, weil sie als zu privat gelten“, sagt Perel. Die Therapeutin hat einen ganzen Katalog solcher Fragen auf Lager, den sie auch schon einmal in der „Financial Times“ veröffentlicht hat. Sie ist überzeugt, dass Hintergrundwissen dieser Art im Sinne des Arbeitnehmers eingesetzt werden und eine bessere Zusammenarbeit ermöglichen kann.

          Was Perel auch beschäftigt: wie sich der Wandel in Gesellschaft und Arbeitswelt auf den Menschen und seine Psyche auswirkt. Zum Beispiel glaubt sie, dass die schwindende Bedeutung von Religion dazu führt, dass das Bedürfnis nach Sinn und Glückseligkeit nun im Beruf gesucht wird. Dass die Tatsache, dass Menschen nicht mehr in engen Gemeinschaften leben, in denen jeder seinen angestammt Platz hat, viele neue Fragen aufwirft. „Die Dinge sind nicht mehr so klar wie früher“, sagt Perel. Etwa welcher Elternteil nachts aufsteht, um sich um das schreiende Baby zu kümmern, wenn beide arbeiten.

          Wessen Karriere wichtiger ist, wenn Mann und Frau zwar gleichberechtigt sein sollen, in den Köpfen aber noch alte Klischees stecken. Oder wie Loyalität am Arbeitsplatz interpretiert wird in einer Zeit, in der die Menschen mobil sind, Unternehmenszusammenführungen Arbeitnehmer jederzeit auf die Straße setzen können oder es keine Selbstverständlichkeit mehr ist, seinem Arbeitgeber treu zu bleiben, bis die Fabrik schließt – sondern weiterzuziehen, wenn die Beförderung nicht schnell genug kommt. Auch die Digitalisierung mache die Dinge nicht unbedingt einfacher: Das Bewerbungsgespräch mit einem Roboter oder virtuelles Einarbeiten seien nicht jedermanns Sache. Manch einer glänze eben erst im persönlichen Interview und nicht auf dem Papier, das ein Algorithmus analysiert.

          Führungspersonen brauchen „Beziehungsintelligenz“

          „All diese großen gesellschaftlichen Veränderungen führen zu Rastlosigkeit und Angstzuständen“, sagt Perel, die es als entscheidenden Wettbewerbsvorteil der Zukunft sieht, wenn Führungspersonen diese Herausforderungen mit einer „Beziehungsintelligenz“ auffangen können. Und auch Gewerkschaften bekämen vor diesem Hintergrund wieder eine größere Bedeutung. „Im Privatleben suchen wir uns Hilfe, wenn Beziehungen schwierig werden. Bei der Arbeit stehen wir es durch“, sagt Perel. Dabei könne keine Geldsumme oder sonstige Leistung eine giftige Beziehung am Arbeitsplatz aufwiegen.

          In ihrem Podcast will Perel all diese Themen ansprechen, indem sie Menschen zu Wort kommen lässt, deren Geschichten beispielhaft für die Sorgen und Probleme vieler stehen, sagt sie. Es gebe schon Tausende Bewerbungen.

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