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Phänomen Boreout : Die Macht der Langeweile

  • -Aktualisiert am

Das Phänomen Boreout kommt häufiger vor, als viele denken. Bild: Getty

Der sogenannte Boreout wird leicht übersehen und oft nicht ernst genommen. Dabei macht er das Arbeiten für Betroffene mitunter zur Zumutung.

          3 Min.

          Flüge buchen, Präsentationen vorbereiten, Arbeitszeitkonten prüfen: Als Katharina Schneider vor fünf Jahren als Assistentin des Chefs einer Kölner Unternehmensberatung arbeitete, ging es ihr überhaupt nicht gut. „Ich war nur noch nervös, mein ganzer Körper stand unter Strom“, erinnert sie sich. Sie ging ungern ins Büro, brach vor den Kollegen manchmal in Tränen aus. Dabei hatte Schneider nette Kollegen, und auch die Aufgaben überforderten sie nicht. Und trotzdem fühlte sie sich ständig übermüdet und gestresst.

          „Schon um zehn Uhr morgens war der Großteil meiner Arbeit erledigt, danach war mir langweilig“, erinnert sich Katharina Schneider. Als Vollzeitangestellte musste sie dennoch bis 17 Uhr am Schreibtisch sitzen und einsatzbereit sein, für den Fall der Fälle. Also surfte sie im Internet, versuchte beschäftigt zu wirken. Aber ihr war in Wirklichkeit langweilig – und das sorgte für Stress und Müdigkeit, eigentlich Gemütszustände, die an Überarbeitung erinnern. Was viele nicht wissen: Nicht nur übermäßiger Stress in der Arbeit kann krank machen, sondern auch das genaue Gegenteil: Langeweile und fehlende Perspektive nämlich.

          „Unterforderung bedeutet für den Körper Stress“, sagt Jelena Becker, die in Bremen als Psychotherapeutin und Coach arbeitet. „Meistens fühlen sich Betroffene zunächst erschöpft, später können auch Interessenverlust, Schlafstörungen, sozialer Rückzug und Appetitverlust dazukommen.“ Symptome, mit denen auch Katharina Schneider in ihrem damaligen Job zu kämpfen hatte. Zu Hause konnte sie sich nicht mehr richtig entspannen, lief abends stundenlang den Flur auf und ab, um runterzukommen. An Wochentagen machte sie nachts kein Auge zu, und auch ihr Immunsystem gab nach: Sie bekam Hautausschläge und wurde häufiger krank als sonst. Irgendwann, so berichtet sie, kamen auch Panikattacken dazu. Anfangs dachte sie, das wäre nur eine Phase. Doch es blieb dabei.

          Nervlich und körperlich am Ende

          Das Phänomen Boreout kommt häufiger vor, als viele denken. „Langweile auf der Arbeit ist gar nicht so unüblich“, erklärt Becker. „Manchmal reicht es schon, für einen Job überqualifiziert zu sein.“ Kommt hinzu, dass viele Beschäftigte gar nicht wissen, dass sie an Boreout leiden – schließlich ist es ein recht junges Phänomen. Der Begriff tauchte erstmals im Jahr 2007 in dem Buch „Diagnose Boreout“ der beiden Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter Werder auf. Sie orientierten sich bei ihrer Wortwahl an einem bekannteren Phänomen aus der Arbeitswelt, dem klassischen Burnout.

          Zu den körperlichen Beschwerden kommen oftmals auch Schuldgefühle hinzu. Während ihre Kollegen gestresst waren, fühlte sich Katharina Schneider schuldig, weil sie nur danebensitzen und Däumchen drehen konnte. Es kommt häufig vor, dass Betroffene die Schuld auf sich nehmen. Anders als beim Burnout nämlich stoßen Boreout-Betroffene auf wenig Verständnis bei anderen. Das bestätigt auch Schneider: Ihre Freunde konnten nicht nachvollziehen, warum die Situation sie so belastete. „Ist doch super, du hast Freizeit und wirst auch noch dafür bezahlt“, bekam sie immer wieder zu hören. Die einen halten Boreout-Betroffene für Glückspilze, die anderen für Faulpelze. Boreout ist allerdings nicht gleichzusetzen mit Faulheit, erklärt Unternehmensberater Rothlin. Seine Begründung: „Mitarbeiter wollen etwas leisten, bleiben aber ständig unter ihrem Potential. Nach und nach verlieren sie so die Motivation.“

          Schneider war nervlich und körperlich am Ende, ging schließlich zur Therapeutin. Die verriet ihr, dass sie kein Einzelfall sei. Sie erklärte ihr auch, warum sie ständig im Internet surfte: Um den Schein zu wahren, eignen sich Betroffene häufig Strategien an, die sie beschäftigt wirken lassen. Einige ziehen Aufgaben, die eigentlich in wenigen Stunden zu erledigen wären, über Tage in die Länge. Andere bleiben länger im Büro oder behaupten Kollegen gegenüber ständig, sie seien ausgelastet. Paradoxerweise führt das dazu, dass Betroffene sich neue Aufgaben vom Leib halten und sich noch mehr langweilen: „Ein Teufelskreis“, sagt Rothlin.

          „Boreout ist auch ein Führungsthema“

          Um aus der Boreout-Situation wieder rauszukommen, rät Rothlin, zunächst mit einem Vorgesetzten zu sprechen und die Situation zu schildern. „Dabei sollten Arbeitnehmer den Chef nicht vorwurfsvoll angehen, sondern lieber sachlich erklären, wie die eigene Arbeitsbelastung aussieht, und aktiv Verbesserungsvorschläge einbringen“, sagt er. Zum Beispiel kommt es gut an, wenn Angestellte auf ein konkretes Projekt hinweisen, bei dem sie gerne mitarbeiten würden. Ändert das Gespräch nichts, könnten Mitarbeiter versuchen, unternehmensintern den Bereich zu wechseln oder sich einen ganz anderen Job zu suchen. Dabei können Weiterbildungen helfen. „Manche Angestellte sind einfach in der falschen Branche“, sagt Rothlin. Wichtig sei vor allem, dass Betroffene Eigeninitiative zeigen.

          Auf die Chefs aber komme es besonders an. „Boreout ist auch ein Führungsthema“, sagt Rothlin. „Immerhin sind Vorgesetzte dafür verantwortlich, das Arbeitsvolumen in ihrem Team zu steuern.“ Da hierbei aber immer Fehler passieren können, sollten Vorgesetzte ihren Mitarbeitern vorab signalisieren, dass sie stets offen für ein Gespräch sind, falls Angestellte zu viel oder zu wenig Arbeit haben. Auch flexible Arbeitszeiten helfen dabei, einem Boreout vorzubeugen. „Wer Mitarbeiter nicht früher gehen lässt, obwohl sie ihre Aufgaben für den Tag erledigt haben, fördert unfreiwillig das Problem.“

          Für Katharina Schneider blieb nach neun Monaten nur noch die Kündigung als Ausweg. Immer wieder hatte sie dem Personalleiter des Unternehmens ihre Situation erklärt. Geändert hat das aber nichts. Ihr Chef erfuhr sogar erst im Abschiedsgespräch von den Problemen – und hat die Stelle danach nicht mehr in Vollzeit besetzt.

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