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Pflegende Arbeitnehmer : Über die Windel des Vaters spricht keiner

Wäre gern immer zur Stelle: Birgit Betz-Shaban pflegt ihren Ehemann Bild: Rainer Wohlfahrt / F.A.Z.

Waschen, Wickeln und Tabletten sortieren: Tausende von Arbeitnehmern betreuen neben dem Beruf ihre pflegebedürftigen Angehörigen. Doch während über die Windel des Sohnes in den Betrieben gern und viel geredet wird, ist die Windel des Vaters noch immer ein Tabuthema.

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          Yahya Shaban sitzt im Wohnzimmer und knackt Walnüsse. Mit gebeugtem Rücken lehnt er über dem Couchtisch, auf dem sich schon ein kleiner Berg Nussschalen türmt. Hat er eine Nuss vorsichtig aus der Schale operiert, hält er sie hoch zwischen zwei Fingern, wie eine kleine Trophäe: „Will noch jemand?“, fragt er grinsend in den Raum.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          „Das ist ganz typisch für ihn“, sagt seine Ehefrau, Birgit Betz-Shaban. „Früher war er immer der große Gastgeber. Wir haben gern gefeiert, am liebsten mit einem großen Essen.“ Heute ist das nicht mehr möglich. Yahya Shaban leidet unter Demenz. Zusätzlich muss er dreimal in der Woche an die Dialyse. Er ist schwach, schlecht zu Fuß und orientierungslos. „Mehr als drei oder vier Leute auf einmal erträgt er nicht mehr. Das überfordert ihn.“ Birgit Betz-Shaban sagt das so, als wäre ihr Mann gar nicht im Raum. Und wahrscheinlich ist er es auch nicht, ist längst wieder abgetaucht in die Welt der Walnüsse, knackt, operiert und knackt, als gäbe es einen Preis zu gewinnen. Nur kurz sieht er auf und ruckelt an seiner Baseballkappe, die er über dem grauen Haar trägt. „Birgit, bist du da?“, ruft er. Sie antwortet geduldig. „Klar, Yahya. Wir sitzen direkt hinter dir, am Esstisch.“

          Manchmal wünscht sie sich, sie könnte das immer antworten, wenn er nach ihr ruft. Aber das geht nicht. Unter der Woche muss sie zur Arbeit gehen und als Sekretärin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers das Geld verdienen, das sie zum Leben brauchen. Und das Geld, um die Pflegekräfte zu bezahlen, die auf ihren Mann aufpassen, wenn sie im Büro ist. „Oft kommt es mir vor, als hätte ich zwei Jobs“, sagt sie. „Nach der Arbeit wartet auf mich keine Freizeit. Auf mich wartet mein Mann.“ Will heißen: einkaufen, Essen machen, Tabletten sortieren, Anweisungen für die Pflegekräfte schreiben.

          „Über die Windel des Vaters spricht keiner“

          Wie viele Deutsche neben ihrem Beruf Angehörige pflegen, ist statistisch nicht erfasst. Nach der letzten Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2007 wurden rund 1,54 Millionen Menschen in Privathaushalten betreut, davon etwa eine Million von ihren Angehörigen. Nach Angaben des Instituts der Deutschen Wirtschaft sind etwa zwei Drittel der pflegenden Angehörigen im erwerbsfähigen Alter; die Mehrheit von ihnen, 73 Prozent, sind Frauen. Die Alterung der Bevölkerung lässt das Thema an Bedeutung gewinnen. Einer Allensbach-Studie zufolge finden sich inzwischen in 22 Prozent aller deutschen Unternehmen Beschäftigte, die Pflegeaufgaben haben. Dennoch ist das Thema vielerorts tabu. Gerd Nett von der Unternehmensberatung „System und Praxis“, die auf Pflegethemen spezialisiert ist, formuliert es so: „Über die Windel des Sohnes diskutiert jeder ausführlich. Über die Windel des Vaters spricht keiner.“

          Die Juristin Mara Schmitt, die sich neben ihrer Karriere um ihre pflegebedürftige Mutter kümmert, will ihren wirklichen Namen deshalb lieber nicht in der Zeitung lesen. Sie arbeitet in leitender Position im Derivatebereich einer großen Bank. Zehn Stunden Arbeit am Tag sind das Minimum, dazu kommen Dienstreisen und Konferenzen. Und dazu kommt „die Mama“. Mara Schmitts Mutter leidet unter einer Kombination aus Demenz und schwerer Arthrose. „Sie scheitert immer öfter körperlich wie mental an den Herausforderungen des ganz normalen täglichen Lebens. Das fängt an mit Kochen und Einkaufen und endet beim Sortieren ihrer Tablettenration.“

          Die Verwirrtheit der Mutter begann irgendwann Mara Schmitts berufliches Leben ernsthaft zu beeinträchtigen. „Sie rief mich zum Beispiel auf der Arbeit an und sagte, ihr Portemonnaie sei verschwunden“, berichtet Schmitt. „Ein Albtraum! Ich habe erst mal die Bankkarten gesperrt und mir dann einen Tag freigenommen, um alles neu zu beantragen. An dem freien Tag fand ich dann aber prompt das Portemonnaie ordentlich verstaut in Mamas Handtasche.“ Dabei blieb es nicht. Die Anrufe während der Arbeitszeit häuften sich. Mal hing die Nachbarin am Hörer, weil die Mutter sich vor Schmerzen krümmte. Mal war es eine Bekannte, die sich sorgte, weil die alte Dame auf einmal spurlos verschwunden war. „Irgendwann hatte ich meinen Kopf überhaupt nicht mehr frei“, sagt Mara Schmitt. „Dieses ständige Schielen aufs Handy, diese permanente Sorge!“

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