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Personalsuche : Chinesische Stecknadel gesucht

Von oben herab: So sieht es auf chinesischen Berufsmessen aus. Doch wer ist der Richtige unter all den Kandidaten? Bild: Reuters

Als wären lahmes Internet und unfairer Wettbewerb nicht schon genug: Viele deutsche Unternehmen tun sich schwer, in China gute Mitarbeiter zu finden. Ist die Ausbildung junger Menschen in China wirklich so schlecht?

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          Was ist ein guter Arbeitsplatz? Liu Wenchen, 29 Jahre alt, Ingenieurstudium an einer Eliteuniversität, denkt nach. Ein Sommerabend im Biergarten des Brauhauses Paulaner. Eine Kellnerin im Dirndl serviert ein Helles. Die Dame ist Chinesin. Der halbe Liter kostet 66 Yuan, umgerechnet neun Euro. Willkommen in Schanghai, einer Stadt hoher Preise in einem Schwellenland. Ausländisches Bier, Autos, Wohnraum - das alles ist teuer in Chinas Wirtschaftsmetropolen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Den Ingenieur Liu stört das nicht. Das deutsche Bier erinnert ihn an seine beiden ersten Arbeitgeber. Erst wirkte der Mann, der seinen echten Namen aus Sorge um die Karriere nicht in der Zeitung lesen möchte, beim Autobauer Volkswagen im Schanghaier Vorort Jiading. Nach eineinhalb Jahren wechselte er zum schwäbischen Autozulieferer Bosch, dessen Zentrale näher an der Innenstadt ist. Liu blieb ein Jahr. Dann wechselte er zum britischen Autobauer Jaguar Land Rover.

          Die deutsche Industrie in China hat den vielversprechenden Berufsanwärter Liu Wenchen fürs Erste verloren. Was ist ein guter Arbeitsplatz? Das sei die Schlüsselfrage auf dem größten Markt der Welt, sagen deutsche Manager in den chinesischen Niederlassungen deutscher Firmen zwischen Shenyang im Norden und Shenzen im Süden: das Finden und Halten fähiger Leute. Wer Deutschlands Wirtschaft im Reich der Mitte nach dem größten Hindernis für den Geschäftserfolg fragt, erhält als Antwort: Nicht der unfaire Wettbewerb chinesischer Staatsunternehmen bremse am meisten und auch nicht das chinesische Internet, das die Seiten so langsam lädt wie in der Anfangszeit des World Wide Web. It’s human resources, stupid!

          Chinas Wirtschaft schwächelt

          In den goldenen Zeiten stiegen in China die Umsätze deutscher Unternehmen Jahr für Jahr um zweistellige Zuwachsraten mit der Zuverlässigkeit der Abstimmungsergebnisse auf Sitzungen des chinesischen Scheinparlaments: Bevor vergangenes Jahr eine ungewohnte Volatilität den früheren Wundermarkt zu schocken begonnen habe, hätte man in China auch Affen anstellen können, höhnen Personaler. Die hätten ebenfalls die Verkäufe nach oben getrieben. Nun aber schwächelt Chinas Wirtschaft. Die Heimatzentralen der Unternehmen werden von Horrorzahlen aufgeschreckt, wenn der Erlös zwei, drei Monate nacheinander um 80 Prozent einbricht. „Made in Germany“ ist kein Selbstläufer mehr im größten Markt der Welt.

          In dieser Situation suchen deutsche Unternehmen Mitarbeiter, wie sie das chinesische Bildungssystem unzureichend hervor bringt. „Vor zehn Jahren war es weit leichter, deutsche Produkte in China zu verkaufen. Heute braucht es Kreativität, Zähigkeit, Robustheit und eine gewisse Persönlichkeit“, sagt der Schanghaier Headhunter Michael Maeder. All das wird an Chinas Schulen und Universitäten nur bedingt gelernt.

          Der Ingenieur Liu Wenchen erinnert sich an die Zeit als Pennäler: Gebüffelt wurde oft 14 Stunden am Tag. Auswendiglernen heißt die Devise in Chinas Lehranstalten: Wann brach der Opiumkrieg aus? Wie heißt das berühmteste Werk des Dichters Li Bai aus der Tang-Dynastie? Die Plackerei lief aufs Abschlussexamen „Gaokao“ hinaus, eine Tortur, deren Ausgang in Form der Punktzahl darüber entscheidet, wie gut die Universität ist, an der sich beworben werden darf. Allein deren Qualität hat in China entschieden, wie das spätere Leben aussieht: geprägt von Wohlstand, gar Reichtum. Oder vom Verbleib im Mittelmaß, im schlimmsten Fall vom Abstieg zum Minenarbeiter.

          „Starke Diskepanz zwischen Erwartungen und Fähigkeiten von Berufseinsteigern“

          Als Chinas Wirtschaftswachstum noch voranstürmte, lief es nach Studienbeginn mit der Karriere wie am Schnürchen: Waren die jungen Chinesen an einer der besseren Universitäten aufgenommen, konnten sie sich zurücklehnen. Wer in den vier Jahren Studium wegen Faulheit von der Hochschule fliegen wollte, musste sich schon viel leisten. So gering waren die Anforderungen an die Studenten, die ihre Freiheit nach den anstrengenden Jahren in Schule und Elternhaus als verdiente Pause ansahen. Das Ergebnis: In China tätige Firmen aus dem deutschen Mittelstand, die in Studien nach der Qualität der Bewerber gefragt wurden, stellen diesen ein verheerendes Zeugnis aus: Die Personalmanager sähen eine „starke Diskrepanz zwischen den Erwartungen junger Berufseinsteiger und deren Fähigkeiten“, die sie ins Unternehmen einbrächten. Die Absolventen forderten hohe Gehälter und hätten „unrealistische Aufstiegsforderungen“, zeigten auf der anderen Seite aber „begrenzte Hard und Soft Skills“. In der Folge tobt der Krieg um Köpfe.

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