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Personalsuche auf dem Land : Ab in die Pampa!

Schön idyllisch hier. Bild: dpa

Unternehmen in der Provinz fällt es oft schwer, Fachkräfte zu finden. Dabei finden Arbeitnehmer fern von Hamburg oder München viel Gutes.

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          Eine Kindertagesstätte auf dem Werksgelände, Home-Office und flexible Arbeitszeiten – und dennoch: „Wir können zwar weiterhin relativ gut Mitarbeiter finden. Aber immer mehr gehen in den Pendelmodus über“, sagt Joachim Kreuzburg, Vorstandschef des Göttinger Laborausrüsters Sartorius. Soll heißen: Mitarbeiter sind zwei oder drei Tage je Woche in der Zentrale, den Rest der Zeit zu Hause. „Das kann in München oder auch an der Küste in Norddeutschland sein“, sagt er. „Der Trend nimmt ganz deutlich zu. Bis zu einem gewissen Grad ist das in Ordnung, aber es ist eben auch ein Zeichen dafür, dass wir etwas anpassen müssen“, sagt der Manager des M-Dax-Konzerns.

          Ilka Kopplin

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Göttingen ist zwar eine beliebte Studentenstadt. Offenbar jedoch keine Stadt, in der die Menschen massenhaft nach dem Studium bleiben möchten. Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat in einem Ranking Deutschlands Regionen mit Blick auf ihre wirtschaftliche Stärke hin analysiert. Dabei haben die Fachleute verschiedene Faktoren aus den Bereichen Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarkt und Lebensqualität herangezogen. Das Ergebnis: Der Landkreis Göttingen – für die Stadt Göttingen wurden keine gesonderten Daten erhoben – landet nur auf Platz 205 von 401.

          Der Landkreis München schneidet am stärksten ab, gefolgt von Frankfurt und Umland. Beide Metropolen punkteten durch hohe Steuereinnahmen, niedrige Gewerbesteuern und innovative Unternehmen. „Die wirtschaftliche Stärke konzentriert sich immer mehr auf große Städte und ihr unmittelbares Umland. Ländliche Regionen haben es dagegen schwer“, sagt Hanno Kempermann vom IW.

          Vorkaufsrecht für Wohnungen im Quartier

          Nun ist Göttingen nach Einwohnerzahl sogar eine kleine Großstadt – bloß wird sie von so manchem Sartorius-Mitarbeiter dennoch als zu provinziell empfunden. Sartorius ist in Göttingen mit global rund 8000 Mitarbeitern, davon etwa 2500 vor Ort, der größte private Arbeitgeber. „Wenn wir langfristig ein attraktiver Arbeitgeber sein wollen, ist die Standortattraktivität für uns enorm wichtig“, sagt Kreuzburg. Dafür nimmt das Unternehmen viel Geld in die Hand. Ein altes Firmengelände mitten im Stadtzentrum wird derzeit in ein lebendiges Quartier umgewandelt, „wo Leben, Wohnen und Arbeiten zusammenkommen“.

          Bei der Planung, wie man den 120 Jahre alten Standort künftig verwenden wolle, seien diese Aspekte enorm wichtig gewesen. In provisorischen Räumen befinden sich seit Anfang des Jahres schon Co-Working-Spaces, ein Testlabor mit 3D-Druckern und Lasercuttern und Veranstaltungsräume. Sartorius-Mitarbeiter erhielten ein Vorkaufsrecht für Wohnungen im Quartier. Neben Sartorius sollen auf dem Campus auch Start-ups und andere Unternehmen einziehen. „Wir wollen die Gründeraktivität im Bereich Life Science nach vorne bringen“, sagt Kreuzburg. Das mache Göttingen und das Umfeld attraktiver.

          Auch Otto Bock wird wohl zu den Mietern zählen. Der Prothesenhersteller hat im selben Landkreis, in der 30 Kilometer entfernten Kleinstadt Duderstadt nahe der thüringischen Grenze, seinen Hauptsitz. Die beiden Unternehmen ziehen an einem Strang: In ein paar Jahren, wenn die Bauarbeiten beendet sind, zieht Sartorius nämlich zusätzlich in einen Berliner Standort, so dass Beschäftigte damit gelockt werden können, ganz oder zeitweise in der Hauptstadt arbeiten zu können. Die Flächen, auf denen sich Sartorius einmietet, liegen im hippen Prenzlauer Berg.

          Neue Wege gegen Fachkräftemangel

          Dort wiederum hat Otto Bocks Gründernachfahre Hans Georg Näder 2012 das Areal der ehemaligen Bötzow-Brauerei gekauft, in dem der Prothesenhersteller und andere Unternehmen unterkommen sollen. Seine Idee: ein echter Kiez – mit Biergarten, Wohnraum und Gemeinschafts-Arbeitsflächen. „In Berlin wollen wir besonders Fachkräfte anziehen, die aktuell auf dem Arbeitsmarkt umkämpft sind: Digitalisierungsexperten oder Softwareentwickler zum Beispiel“, sagt Vorstandschef Philipp Schulte-Noelle. In Bötzow werde „die Dynamik der Hauptstadt“ gelebt. Teams arbeiteten „wie Start-ups agil und interdisziplinär zusammen“. Einige Abteilungen sind schon vor Ort. In ein paar Jahren soll das Areal fertig sein.

          An anderer Stelle, im nordhessischen Melsungen im Landkreis Schwalm-Eder (Rang 259), geht das Medizintechnikunternehmen B. Braun andere Wege, um einem Fachkräftemangel vorzubeugen. Bislang gebe es noch keine Engpässe; einem steigenden Umsatz könne nicht gleichermaßen eine steigende Mitarbeiterzahl folgen, sagt der frühere langjährige Vorstandschef Heinz-Walter Große. B. Braun hat unter seiner Ägide in ersten Abteilungen das agile Arbeiten eingeführt: Teams arbeiten über Organigramme und Strukturen hinweg an einer Lösung. Dabei gebe es auch weiterhin Führungspersonen, „aber Mitarbeiter werden projektbezogen zusammengestellt“. Sie können sich aktiv für Projekte bewerben und in andere Bereiche hineinschnuppern. „Wir müssen den unterschiedlichen Interessen der Mitarbeiter schon entgegenkommen“, erklärt er.

          Aus Großes Sicht gibt es in solchen Strukturen zudem einen Vorteil: „In agilen Systemen kann die Vereinbarkeit von Familie und Beruf viel besser organisiert werden“, ist er überzeugt. Dadurch sei es beispielsweise möglich, eine Doppelspitze zu installieren, wenn beide Führungskräfte halbtags arbeiteten. „Wir wollen auch Männer motivieren, in Teilzeit zu arbeiten, und Frauen höhere Führungspositionen ermöglichen“, sagt er. Solche Systeme müssten nach und nach gemeinsam mit den Mitarbeitern eingeführt werden. Darum kümmert sich nun seine Nachfolgerin Anna Maria Braun – Juristin und Mutter von drei Kindern.

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