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Personalpolitik : Gesund = produktiv

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Turnen für die Produktivität: An der Sprossenwand bei BMW in Dingolfing Bild: Jan Roeder

Der Schrott wehrt sich mit letzter Kraft. Es brodelt, zischt und knallt ohrenbetäubend. Funken fliegen meterweit durch den Raum.

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          Der Schrott wehrt sich mit letzter Kraft. Es brodelt, zischt und knallt ohrenbetäubend. Funken fliegen meterweit durch den Raum. Wenig später wird die 1600 Grad heiße, rot glühende Masse zu Stahlträgern gewalzt. Immer nur wenige Meter entfernt: die Stahlarbeiter. „Das ist hier keine Schokoladenfabrik“, sagt Reiner Stark, Betriebsratsvorsitzender des Stahlwerks Thüringen. „Der Staub, die Hitze, der Lärm – die Arbeit ist körperlich hart und erfordert eine sehr gute Gesundheit. Gerade für ältere Menschen ist das extrem schwer.“ Ältere Menschen wird es in dem Stahlwerk im thüringischen Unterwellenborn in Zukunft immer mehr geben: „In zehn Jahren haben wir durch die Personalpolitik direkt nach der Wende eine völlig überalterte Belegschaft. Wir müssen uns daher jetzt schon überlegen, wie wir unsere Leute fit halten“, sagt Stark.

          Das Problem des demographischen Wandels kennt auch Franz Waas gut. Waas ist Vorstandsvorsitzender der Deka-Bank. Heute liegt das Durchschnittsalter seiner 2900 Mitarbeiter bei 39 Jahren. In fünfzehn Jahren werden die Banker im Schnitt 49 Jahre alt sein. Dort sind es vor allem Rückenschmerzen, Augenprobleme und Stress, mit denen die Mitarbeiter der Frankfurter Bank zu kämpfen haben.

          Immer mehr Unternehmen in Deutschland erkennen angesichts des drohenden demographischen Wandels den Wert ihrer Mitarbeiter – und vor allem deren Gesundheit. Deshalb wird der klassische Arbeitsschutz zum betrieblichen Gesundheitsmanagement ausgeweitet, wie Fachleute sagen. „Solche hochtrabenden Namen haben wir nie benutzt“, sagt Stahlwerk-Betriebsrat Stark. „Uns geht es darum, dass die Arbeit möglichst sicher ist und unsere Mitarbeiter gesund sind – und bleiben.“

          Dehnübungen, auf die Arbeit abgestimmt
          Dehnübungen, auf die Arbeit abgestimmt : Bild: Jan Roeder

          Fitness für die Fondsgesellschaft

          Das ist auch das Ziel der Deka-Bank, auch wenn man hier mit Fachausdrücken ein kleineres Problem hat: „Lebenszyklusorientierte Personalarbeit“ heißt das Programm, mit dem das Unternehmen seine Mitarbeiter trotz höherem Alter fit und die Krankenquote niedrig halten will (lesen Sie dazu auch das Interview mit Personalleiter Oliver Büdel: Dienst und Schnaps gehören wieder zusammen). Im Frühjahr 2008 eröffnete die Investmentgesellschaft der Sparkassen auf rund 900 Quadratmetern ein eigenes Fitnessstudio. 1,4 Millionen Euro hat die Bank investiert. Massagen, Physiotherapie, Aerobic-Kurse – all das können Mitarbeiter unter fachlicher Aufsicht für monatlich 40 Euro im eigenen Haus nutzen. Bisher nutzt etwa jeder 13. Mitarbeiter das Angebot. Ziel ist, dass jeder siebte Mitarbeiter mitmacht.

          Diese Quote hat das Stahlwerk in Thüringen schon erreicht. Ein eigenes Fitnessstudio können sich die Thüringer nicht leisten, aber die Geschäftsführung gibt den Mitarbeitern Zuschüsse, wenn sie ein örtliches Fitnessstudio besuchen. Der Schwerpunkt des Gesundheitsmanagements liegt im Stahlwerk jedoch in der Reduzierung gesundheitlicher Risiken am Arbeitsplatz. In den vergangenen Jahren haben Unternehmensleitung und Betriebsrat eine Pflicht für Schutzkleidung eingeführt. Dank Helm, Handschuhen, Gehörschutz, Schutzbrille und größerem Problembewusstsein konnte die Zahl der Unfälle im Jahr seit 1995 von 25 auf 2 reduziert werden, erzählt Stark stolz.

          Dass immer mehr Unternehmen sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter sorgen, ist nicht uneigennützig. „Der Krankenstand sinkt, außerdem sind Mitarbeiter deutlich produktiver, wenn sie sich körperlich und psychisch wohl fühlen“, sagt Alfons Schröer, Leiter der Abteilung Gesundheit beim Bundesverband der Betriebskrankenkasse BKK. Darüber hinaus sei Gesundheitsmanagement ein beliebtes Instrument, um seinen Ruf als Arbeitgeber aufzubessern. Etwa 70 Prozent der großen und 20 Prozent der kleinen Unternehmen betreiben betriebliches Gesundheitsmanagement, schätzt Schröer.

          Mitarbeiter sollen alt werden, aber nicht bei uns

          Für den Jenaer Wirtschaftssoziologen Ulrich Brinkmann ist das noch deutlich zu wenig: „Es gibt leider immer noch Unternehmer, die sagen: Die Mitarbeiter sollen im Unternehmen alt werden – aber nicht bei uns. Die Arbeitsfähigkeit zu erhalten ist für jeden ein persönliches Risiko.“ Dabei sei inzwischen erwiesen: „Dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter am Arbeitsplatz gesund bleiben, ist deutlich billiger, als neue Mitarbeiter zu rekrutieren.“

          Zahlreiche Studien bestätigen, dass sich die Investition in die Gesundheit der Mitarbeiter für die Unternehmen lohnt. Volkswirtschaftlich gesehen sorgt allein der mangelnde Arbeitsschutz in der Bundesrepublik jährlich für einen Verlust von 40 Milliarden Euro, schätzen Fachleute. Brinkmann hält solche Zahlen allerdings nur für bedingt seriös: Die tatsächlichen Kosten durch Krankheitsausfälle seien sehr schwer zu berechnen.

          Doch auch wo die Unternehmen auf betriebliches Gesundheitsmanagement setzen, läuft nicht immer alles rund. Es ist wichtig, die Beschäftigten mitzunehmen, sagen Fachleute. „Wenn da ein paar Schlaumeier rumlaufen und sagen: Mach das so und so bringt das absolut nichts“, sagt Stahlwerk-Betriebsrat Stark. Das kann Soziologe Brinkmann bestätigen: „Sie können einem Bauarbeiter noch so oft sagen, er soll einen Helm aufsetzen. Wenn er glaubt, er könne ohne Helm einen besseren Eindruck auf die Damen machen, wird er den Helm nicht aufsetzen.“

          Wer sich wohl fühlt,
          arbeitet effektiver:
          Vielen Unternehmen
          ist das bewusst.
          Sie kümmern sich aktiv um die Gesundheit
          ihrer Mitarbeiter.
          Von Oliver Hollenstein

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