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Personalnot : Wie Eltern um Kita-Plätze kämpfen müssen

  • Aktualisiert am

Verzweifelt gesucht: Erzieher Bild: dpa

Wer arbeiten und sein Kind betreuen lassen möchte, hat einen Rechtsanspruch darauf, einen Platz zu bekommen. Warum trotzdem so viele Eltern leer ausgehen.

          4 Min.

          Das Ehepaar Müller genießt die gemeinsame Zeit mit seiner zweijährigen Tochter Lisa (Namen von der Redaktion geändert), doch die beiden Akademiker wollen auch arbeiten. Kind und Beruf unter einen Hut zu bringen, macht ihnen die Stadt Stuttgart nicht leicht. In zwei aufeinanderfolgenden Jahren bewarben sie sich erfolglos um einen Platz in einer öffentlichen Kita. Dabei hatten sie nicht nur alle Fristen eingehalten, sondern auch ihren Rechtsanspruch geltend gemacht. „Wir standen in drei Einrichtungen auf Platz 120, 80 und 41 der Warteliste“, erinnert sich Alexandra Müller. Grund: Erzieherinnenmangel. Laut Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fehlen bundesweit 100.000 Fachkräfte in den Kitas.

          Lisa gehört zu den mehr als 6800 Stuttgarter Kindern, darunter mehr als 4600 unter drei Jahren, die im vergangenen Kindergartenjahr beim städtischen Träger leer ausgegangen sind. Das Mädchen startet nun in das zweite Kita-Jahr in einer privaten Einrichtung in Leinfelden-Echterdingen, einer Nachbarkommune der reichen Landeshauptstadt. Familie Müller ist kein Einzelfall: Laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts liegt die Nachfrage bei den unter Dreijährigen noch um zwölf Prozentpunkte über dem Angebot.

          In München sind in den städtischen Kindertageseinrichtungen derzeit rund 9,7 Prozent der Fachkraftstellen und rund 7,4 Prozent der Stellen für Ergänzungskräfte wie Kinderpflegerinnen nicht besetzt. „In den nicht-städtischen Einrichtungen in München und deutschlandweit ist die Situation vermutlich vergleichbar“, sagt Ursula Oberhuber, Sprecherin der Stadt. Punktuell würden längere Randzeiten eingeschränkt, bei Kita-Neueröffnungen werde nicht mit voller Auslastung gestartet. Die Lage werde noch schwieriger, zögen doch junge Familien in die Metropole mit ihrem Angebot an Arbeitsplätzen und hohem Freizeitwert.

          „Man fühlt sich wie Don Quijote“

          Die Notleidenden sind die Eltern, die wie die Müllers bei der Durchsetzung ihres Rechtsanspruchs in die Mühlen der Bürokratie geraten. „Man fühlt sich wie Don Quijote“, erzählt Michael Müller. Auch Elternvertreterin Ulrike Grosse-Röthig sagt: „Wir spüren den Fachkräftemangel ganz deutlich.“ Die Sprecherin der Bundeselternvertretung der Kinder in Kindertageseinrichtungen und Tagespflege nennt als Folgen: weniger Personal pro Kind, verkürzte Öffnungszeiten und Absagen, obwohl theoretisch Plätze vorhanden sind. „Viele Erzieherinnen gehen jetzt in Rente und der Nachwuchs fehlt“, erläutert Grosse-Röthig. Der Beruf habe auch Imageprobleme. „Wir haben zehn Jahre den Lehrerberuf schlechtgeredet. Jetzt passiert das gleiche mit den Erzieherinnen.“

          Grosse-Röthig rechnet mit weiter steigendem Personalmangel, der durch den Rechtsanspruch auf einen Besuch der Ganztagsschulen von 2025 an verschärft wird. Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrats, ist überzeugt: „Das kann nur mit multiprofessionellen Teams funktionieren, da brauchen wir auch Erzieher.“ Auch das Erzieher-Gehalt sei lange nicht angehoben worden. „Das hat man viel zu lange schleifen lassen“, sagt Wassmuth. Der Großteil der Erzieherinnen verdient derzeit laut GEW um die 3500 Euro brutto.

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