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Ortstermin im Berliner „Betahaus“ : Wir sind das Netz, das uns auffängt

  • -Aktualisiert am

Zwei Eingeborene des digitalen Zeitalters, vertieft in ihr obligatorisches Werkzeug, natürlich nur echt mit dem Apfel Bild: Daniel Seiffert / F.A.Z.

Digitales Arbeiten ohne festen Job ist für junge Menschen keine Emanzipation, sondern alternativlos. In Berlin haben sich ein paar dieser jungen Frauen und Männer unter einem Dach zusammengetan, um die Übergänge zwischen Beruf und Leben, Internet und Alltag verschwinden zu lassen.

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          Montag, siebzehn Uhr im St. Oberholz am Rosenthaler Platz. Berlin Mitte, wie es in der Zeitung steht. An den Cafétischen sitzen schöne Menschen und trinken Kaffee Latte. Die Frauen haben kurze Ponys, die Männer lange. Auf jedem Platz strahlt ein Apfel vom Laptop. Es ist sehr ruhig, denn die Menschen arbeiten. Musik hören sie nur über weiße Kabel. Auch laut tippen tun sie nur selten, meistens schauen sie konzentriert auf ihren Bildschirm. Hin und wieder heben sie den Arm, dann kommt die schlanke Kellnerin und bringt einen neuen Latte. So könnte das ewig weitergehen.

          Aber dann tut sich doch was. Um neunzehn Uhr kommen die Vordenker Kathrin Passig, die einen Bachmann-Preis gewonnen hat, und Holm Friebe, der mit seinen Büchern vor allem an seiner eigenen Marke baut. In fast perfekter Symbiose entwickeln sie dann ein neues „Projekt“, texten irgendwas für ihre „Riesenmaschine“ oder verschieben das Ganze auf morgen. Vor allem aber sind sie furchtbar stolz, dass sie keinen Job haben. „Digitale Bohème“ und „intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“ heißt das in Fachbüchern, die sich die Vordenker selbst geschrieben haben.

          Schon fast religiöse Züge

          Intelligent und digital mag das ja sein, aber Bohème? Und dieses ewige Fest der Freiheit: Das hat schon fast religiöse Züge. Dabei ist das digitale Leben ohne festen Job für junge Menschen heute nicht mehr ideologisch aufgeladenes Ziel reinigender Emanzipationsbestrebungen. Es ist alternativlose Realität. So sieht das auch Fabian Lübke, der kurz für einen Latte ins Oberholz gekommen ist. Auch wenn er eigentlich etwas zu alt dafür ist, gehört der Dreißigjährige zur Gruppe der sogenannten „digital natives“, die mit der Computertechnik aufgewachsen sind und analoges Leben nur aus Erzählungen kennen.

          Mit sechs schaute Fabian seinem Vater beim Online-Banking auf btx zu, mit neun hatte er einen eigenen C64-Computer, mit sechzehn testete er für AOL, ob Internet auch in Deutschland funktioniert. Fabian benutzte schon Apple-Laptops, als die noch orange waren und aussahen wie Klodeckel mit Griff. Seitdem arbeitet er immer mit der neuesten Generation. Trotzdem ist Fabian kein „Computer-Nerd“. Fabian ist Musiker. Seine Songs nimmt er zu Hause auf, gemischt wird auf dem Mac, der Vertrieb läuft über iTunes. Sich der Old-School-Institution eines Labels zu unterwerfen stand für ihn nie zur Debatte. Das hat aber nichts mit Ideologie zu tun. Das ist einfach so. Dass die schönen Menschen im St. Oberholz seine Lebensform als revolutionär und subversiv bezeichnen, findet er absurd. Vielleicht ist Fabian aber auch eben genau die zehn Jahre jünger, die die Leute im St. Oberholz brauchten, um das Internet zu kapieren und sich heroisch vom Arbeitsrhythmus „nine to five“ zu befreien.

          Junge Menschen Ende zwanzig mit ihrem Mac

          Im St. Oberholz hält es Fabian jedenfalls nicht länger aus. Er überlegt, seine Basis jetzt im Betahaus aufzuschlagen. Das hat vor ein paar Wochen fünf U-Bahn-Stationen südlicher am Moritzplatz eröffnet. Von der gar nicht verwunschenen Prinzessinnenstraße geht es an abwrackreifen Mühlen vorbei in den Hinterhof. Die Eisentür des Lastenaufzugs schabt über den Boden und fällt scheppernd zu. Wie eine Guillotine fällt eine zweite Tür vor den Ausgang. Wir rumpeln hoch.

          Endlich oben, empfängt uns das Kreischen einer Metallsäge. Die Fenster werden gerade repariert. Letzte Handgriffe aus der analogen Welt. Durch einen weiß gestrichenen Betongang erreichen wir das „Betalab“. Hinter einer rudimentär eingerichteten Kaffeeküche reihen sich Dutzende Schreibtische aneinander. Dahinter sitzen junge Menschen Ende zwanzig mit ihrem Mac. Wie im St. Oberholz ist es auch hier erstaunlich still. Von der Decke hängen schwarze Mehrfachstecker, durch die Fenster zieht es. Zweihundertzwanzig Quadratmeter provisorisches Arbeiten, bis die Räume im Erdgeschoss fertig sind. *ernstfallprob* heißt das hier im Jargon.

          Freunde treffen Freunde von Freunden

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