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Orkantief „Sabine“ : Kein sturmfrei für Beschäftigte

Eine einsame Passantin in Potsdam Bild: ZB

Der Fernverkehr stand still und viele Schulen blieben geschlossen. Doch welche Rechte und Pflichten haben in solchen Fällen eigentlich Arbeitnehmer?

          2 Min.

          Der Orkan „Sabine“ hat von Sonntagabend an den Fern- und den öffentlichen Nahverkehr immens eingeschränkt. In einigen Bundesländern blieben am Montag die Schulen geschlossen. In anderen Fällen überließen es die Kultusministerien und die Behörden dem Augenmaß der Eltern, ob sie ihren schulpflichtigen Kindern das Wegrisiko zumuten wollen.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Solche Gedankengänge lassen sich auf Arbeitnehmer nicht Eins zu Eins übertragen. Generell gilt hier: Im Arbeitsalltag trägt der Arbeitnehmer das Wegerisiko. Er ist dafür verantwortlich, dass er auch bei schwierigen Wetterbedingungen pünktlich zum Arbeitsplatz kommt.

          Zwar stellt der Weg von der Wohnung zum Arbeitsplatz und zurück nach Ansicht des Bundesarbeitsgerichts grundsätzlich keine Arbeit für den Arbeitgeber dar. Seine Elementarpflicht als Beschäftigter ist die Erbringung seiner Arbeitskraft. Dafür zahlt ihm sein Unternehmen den vertraglich vereinbarten Lohn. In den Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) steht zudem, dass ein Arbeitnehmer seinen Anspruch auf Vergütung nicht schon dadurch verliert, dass er für kurze Zeit ohne sein Verschulden an der Dienstleistung verhindert wird. Aber er muss sich nach Paragraph 616 BGB das anrechnen lassen, was er für die Zeit der Verhinderung als Leistung aus der gesetzlichen Kranken- und Unfallversicherung bekommt.

          Ernsthafte und geeignete Vorkehrungen nötig

          Für die Fälle sogenannter höherer Gewalt, also etwa aktuell im Fall des Orkans „Sabine“ und den damit verbundenen Verkehrseinschränkungen, heißt das: Der Beschäftigte muss ernsthafte und geeignete Vorkehrungen treffen, um doch noch zum Arbeitsplatz zu kommen. Wer also am Montagmorgen an seinem Arbeitsplatz erwartet wurde, hätte sich am Sonntag schon auf den Weg machen sollen. Hat er das unterlassen, entfällt damit auch die Vergütungspflicht für den Arbeitgeber. Das Unternehmen kann dann entscheiden, ob es seinem Mitarbeiter einen Tag weniger Lohn zahlt oder ob dieser den Tag später nacharbeiten muss.

          Nicht jeder Arbeitnehmer wohnt aber unmittelbar in der Nähe seiner Dienststelle. Nicht jeder hat die Möglichkeit, bei Familie oder Bekannten unterzukommen. Entstehen dem Mitarbeiter also Kosten durch eine frühere Anreise, etwa für eine Taxi-Fahrt oder eine Hotelübernachtung, muss er zuvor beim Vorgesetzten anfragen, ob sich sein Arbeitgeber an diesen Kosten beteiligt. In manchen Fällen überschreitet das aber die Grenze dessen, was der Mitarbeiter verdient. Gerichte haben in der Vergangenheit aus Billigkeitsgründen entschieden, dass dem Arbeitnehmer dann eine frühere Anreise nicht zugemutet werden kann. Hat ein Unternehmen vor Ort Werkswohnungen oder ein Wohnheim, kann eine frühere Anreise vom Chef allerdings erwartet werden.

          Vorab mit Chef sprechen

          Die Kontaktaufnahme mit dem Vorgesetzten ist aber unumgänglich. Ein späteres Nachfordern für die entstandenen Kosten sogt beim Chef für Ärger und wird nur in den Fällen von Erfolg gekrönt sein, wenn das Unternehmen wirklich auf das persönliche Erscheinen eines Mitarbeiters angewiesen ist.

          In der Realität haben am Montag überproportional viele Arbeitnehmer in ganz Deutschland von zuhause ausgearbeitet. Solange es den von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) geforderten Rechtsanspruch auf Heimarbeit nicht gibt, gilt aber auch hier: Der Mitarbeiter muss vorab mit seinem Vorgesetzten über sein Vorhaben sprechen. Der muss die Heimarbeit genehmigen. Beschäftigte, die am Montag auf eigene Faust am heimischen Schreibtisch arbeiteten, riskieren einen Rüffel vom Chef. Für manche könnte es zum Lohnabzug führen. In anderen Fällen könnte es sogar zu einer Abmahnung führen.

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