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Online-Bewerbungen : Virtuelles Paradies für Schummler

Die Identität von Online-Bewerbern lässt sich kaum prüfen Bild: fotolia.de

Tests für Bewerber im Internet sparen Zeit und Geld bei der Auswahl - in der Theorie. Doch in der Praxis ist die Zahl der Schwindler groß. Und damit auch die Ernüchterung der Personalmanager.

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          Latein, Mathe und Geschichte sind konkurrenzlos. Kein anderes Fach spornt die Kreativität auch nur annähernd so an wie sie. Lassen sich die binomischen Formeln in den Radiergummi einritzen? Passen die i- und die u-Deklination nicht doch auf das Kaugummipapier, wenn man nur klein genug schreibt? Und dieser Kuli mit dem Werbeslogan im Sichtfenster des Gehäuses, kann man den zum Nothelfer umbauen für den peinlichen Fall, dass wider Erwarten die amerikanischen Gründerstaaten abgefragt werden? Unter Schülern gilt Spicken als Kavaliersdelikt, das Risiko des Auffliegens würzt jede Klassenarbeit mit knisternder Spannung. Ein paar Jahre später, beim ersten Schritt in Richtung Beruf, müssen manche Bewerber auf diesen Kitzel verzichten.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kein Lehrer schaut ihnen zum Beispiel über die Schulter, wenn sie sich auf der Homepage des Beratungsunternehmens Accenture durch die Logik-Aufgaben klicken. Und ob im Internet-Test für das „International Graduate Program“ des Energieversorgers RWE tatsächlich die ambitionierte Absolventin oder ihre brillante Cousine glänzt, wer soll das feststellen? Online-Tests für die Personalauswahl existieren seit etwa acht Jahren, einer Studie der Universität Hohenheim zufolge wollen sie ein Fünftel aller Unternehmen künftig verstärkt einsetzen. Dabei sind sie ein Paradies für Schummler.

          Jeder dritte Bewerber mogelt

          Auf bis zu 30 Prozent jedenfalls schätzt Julia Richter die „Mogelrate“ in diesen Verfahren; jedes fünfte Unternehmen, das solche vor allem für die Auswahl von Hochschulabsolventen und Trainees entwickelten Tests einsetze, habe im weiteren Bewerbungsprozess schon Online-Schummler enttarnt. Drei Jahre lang hat die junge Psychologin aus Bochum für ihre Dissertation zum Thema „Speed-Tests im Internet – Möglichkeiten und Grenzen ihrer Nutzung für die Personalauswahl“ nach Mitteln und Wegen gesucht, um Online-Tests gegen unsaubere Tricks zu impfen. „Die ehrlichen Teilnehmer werden benachteiligt, wenn einige Bewerber sich unfair verhalten und ihre Ergebnisse verfälschen“, erklärt sie ihre Motivation. Außen vor gelassen hat Richter in ihrer Arbeit Online-Assessment-Center, in denen die Kandidaten in ihrem Wunschunternehmen virtuell auf Probe arbeiten sollen.

          Für Logik- und Leistungstests aber gibt es ihrer Forschung zufolge zwei wirksame Tricks gegen Trickser: Geschwindigkeit und Unordnung. So schlägt Richter etwa für „Tests zum formenbezogenen Denken“ eine eng begrenzte Bearbeitungszeit vor. Die Kandidaten sollen in diesen Tests zum Beispiel die Muster erkennen, nach denen eine Reihe von Dreiecken, Pfeilen oder anderen geometrischen Formen angeordnet sind; Unternehmen erhoffen sich davon Aufschluss über die Fähigkeit der Bewerber, neuartige Probleme zu lösen. In Julia Richters „Speed-Test“, der inzwischen vom Bochumer Unternehmen Eligo vermarktet wird, ist jeder einzelnen Frage eine Bearbeitungszeit zugemessen, jede einzelne Figur nur sechs Sekunden auf dem Bildschirm zu sehen. „Das ist mit Sicherheit zu kurz, um sich mit dem Joker zu beraten, der vielleicht zu Hause neben dem Kandidaten am Rechner sitzt“, begründet sie dies.

          Wilde Algorithmen zum Schutz der Tests

          Um der modernen Form der „Testknackerliteratur“ zu begegnen, empfiehlt Richter einen Permutationsalgorithmus. Dieser Programmierer-Kniff ermöglicht eine zufällige, sozusagen unordentliche Auswahl aus einem großen Pool von Aufgaben – und bringt Kandidaten durcheinander, die sich mit Screenshots auf einen Online-Test vorbereitet haben. „Ein Bewerber muss ja nur eine einfache Tastenkombination kennen, um den Bildschirm elektronisch fotografieren zu können“, stellt Julia Richter den Nutzen der Geheimniskrämerei von Unternehmen in Frage, die ihre Online-Tests streng unter Verschluss zu halten versuchen. Denn ist ein Screenshot aus einem solchen Test erst einmal im Umlauf, taugt das ganze Verfahren nicht mehr viel.

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