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Öko-Wirtschaft : Bio ohne Ballast

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Die Exotik der Gründerjahre ist passé: Die Bio-Branche steht heute für 160.000 Arbeitsplätze, ihre Produkte fehlen in keinem Supermarkt. Trotzdem bietet sie Quereinsteigern immer noch Chancen.

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          Als Kerstin Stromberg 1982 mit ihrem Mitstreiter Jürgen Hack die Firma Sodasan gründete, studierte sie Pädagogik und Soziologie. Sie hatte sich ein paar Leuten angeschlossen, die sich unterschiedlichen Ideen hingaben. Einige züchteten Schafe, andere reparierten Autos und betrieben eine Studentenkneipe. Zu jener Zeit waren kaum umweltfreundliche Reinigungsflüssigkeiten im Angebot, fand Stromberg und brachte mit dem Chemiker Hack ein Spülmittel und ein Scheuerpulver auf den Markt. Um den Vertrieb kümmerten sich Freunde, die in der Nähe von Göttingen einen Naturkostgroßhandel führten.

          Die anderen Mitglieder ihres "Kollektivs", wie sie es nannten, gingen eigene Wege. Stromberg und Hack konnten bald von ihrer Firma leben. 1986 heuerten sie den ersten Mitarbeiter an. Heute befindet sich Sodasan in der ostfriesischen Stadt Uplengen und hat 25 Mitarbeiter. Jürgen Hack kümmert sich um das Technische, während sich die Öko-Pionierin Stromberg mit Marketing, dem Kaufmännischen und Personalfragen beschäftigt. Das betriebswirtschaftliche Wissen hat sie sich im Lauf der Jahre angeeignet. Dass große Handelsketten mittlerweile auch umweltfreundliche Ware im Sortiment haben, raubt Kerstin Stromberg nicht den Schlaf: "Grundsätzlich begrüße ich es, dass viele Öko- und Bio-Produkte verkauft werden, wenn die Qualität stimmt."

          Längst ist diese Branche nicht mehr so exotisch wie in den siebziger Jahren, da die ersten Bio-Läden öffneten. Gründerinnen wie Stromberg und auch Susanne Schöning, die Chefin des Naturkostunternehmens Zwergenwiese in Silberstedt, haben sich zu höchst professionellen Managerinnen emanzipiert. Als sie anfingen, dachten sie kaum an eine gutbürgerliche Karriere, sondern vielmehr daran, ihr Leben nach ihren persönlichen Werten auszurichten. Schöning stieg regelrecht aus der Gesellschaft aus, wie sie auf ihrer Internetseite schreibt. Sie lebte in einer Landkommune, die sich mit Lebensmitteln selbst versorgte. Weil sie so konsequent bei ihren Wünschen blieben, wirken die Angehörigen dieser ersten Öko-Generation so überzeugend. Zwar betrachteten einige von ihnen den Kapitalismus mit Skepsis, doch nahmen sie ihn mit ihren originellen Geschäftsideen eher beim Wort als weniger kritische Altersgenossen, die in Angestelltenverhältnissen dahindämmerten.

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          „Wir wollten uns nicht ,Kornkammer' oder ,Rübchen' nennen“

          Die jüngeren Öko- und Bio-Hersteller sowie der Fachhandel haben sich von dem ideologischen Ballast verabschiedet, welcher der Branche lange anhaftete. "Wir wollten uns nicht ,Kornkammer' oder ,Rübchen' nennen, sondern suchten nach einem modernen Begriff", sagt Sylvia Raabe von der Basic AG, einer Lebensmittelkette mit 22 Märkten in Deutschland und einem in Wien. Basic stehe "für Dinge, die wirklich wichtig sind", sagt Raabe, etwa für Äpfel, Tomaten, Bananen und Milch. Diese Waren werden von den Kunden am häufigsten gekauft.

          Laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens GfK steigerten die privaten Haushalte ihre Ausgaben für Bio-Produkte von Januar bis September 2006 um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im Jahr 2006 setzte die Branche nach Berechnungen des Kasseler Agrarwissenschaftlers Ulrich Hamm etwa 4,5 Milliarden Euro um, 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Die "Kontrollierte Naturkosmetik" verzeichnete ebenfalls Steigerungen. Dieses Gütesiegel wird vergeben, wenn die Hersteller natürliche Rohstoffe verwenden, auf Tierversuche verzichten und einige andere Richtlinien beachten.

          Rund 160.000 Arbeitsplätze gibt es nach Angaben des "Presse-Forums Biobranche" in der Erzeugung und dem Handel mit Bio-Produkten und bei Dienstleistern. Zahlen sind schwer zu ermitteln, da in großen Unternehmen oft ein und derselbe Produktmanager sowohl Bio-Milch als auch konventionelle Ware betreut. Der Siegeszug von Bio zeigt sich auch darin, dass kaum noch ein Supermarkt ohne auskommt. Die Handelskette "Plus" begann im Jahr 2002 mit 23 "BioBio"-Produkten und führt inzwischen 120. Das Unternehmen hat auch Naturkosmetik im Sortiment.

          Manche alteingesessenen Bio- und Ökohersteller ärgern sich darüber, dass die Handelsriesen nun damit Umsatz machen. Bettina Bockhorst vom Naturkosmetikhersteller Logona betrachtet die Entwicklung allerdings gelassen: "Zu ,Plus' kommen andere Kunden als in den Fachhandel, wo es unsere Produkte gibt." Auch Kerstin Stromberg findet, dass Fachhändler mit besserer Beratung punkten können. "Wenn jemand im Supermarkt fragt, welche Kosmetik er bei einer Zinkallergie benutzen kann, kriegt er kaum eine befriedigende Antwort", glaubt sie.

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