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Neustart in der Krise (7) : „Der Job hat mich gerettet“

Es gibt immer was zu tun: Das ist ganz im Sinne von Patric Hartung. Bild: Hannah Aders

Vor der Pandemie war Tour-Manager Patric Hartung wochenlang mit seinen Bands unterwegs. Zum Glück hatte der gelernte Maurer noch seine Stelle als Werkstattleiter in der Hinterhand. Doch nur bei der sollte es nicht bleiben.

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          Die Sommerferienzeit neigt sich allmählich dem Ende zu. Sehr zur Freude von Patric Hartung, denn während andere entspannt Urlaub machen, müssen sich der 33-Jährige und sein Team um mehr als 100 Autos kümmern. „Schülerspezialverkehr“ nennt sich das Gebiet auf das sich sein Arbeitgeber spezialisiert hat. Die Fahrer bringen Schülerinnen und Schüler zu diversen Förderschulen und holen sie wieder ab. Hartung leitet die Werkstatt.

          Benjamin Fischer
          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Sauber machen, Teile tauschen, TÜV-Prüfung – in den Ferien muss alles Mögliche gemacht werden“, erzählt Hartung. Bisweilen finden sich auch unschöne Überraschungen wie die Pausenbrotration von mehreren Wochen unter einem Sitz. Zudem stehen stets noch Lastwagen und rund 10 Transporter auf dem Hof für Kurierfahrten aller Art. „Genug zu tun ist immer“, sagt er – was für ihn gleich in mehrfacher Hinsicht zutrifft.

          Ende August geht es für ihn einige Tage nach Hannover. Das Trainingslager der Kassel Huskies steht an. Für die Zweitliga-Eishockeymannschaft ist er an Spieltagen als zweiter Team-Betreuer im Einsatz. „Ich mache aber nur die ersten paar Tage, damit ich die Mannschaft kennenlerne.“ Mehr gehe neben der Arbeit in der Werkstatt gerade nicht, und der Großteil der Mannschaft sei nach dem verpassten Aufstieg in der vergangenen Saison ohnehin zusammengeblieben. Ein Traum für den Eishockey-Fan – der ironischerweise ohne die Corona-Pandemie wohl kaum in Erfüllung gegangen wäre. Denn eigentlich verdingt sich Hartung seit Jahren als Tour-Manager für Hardcore-Bands wie Obey The Brave oder Deez Nuts. Keine Superstars, die Arenen füllen, aber in ihrem Genre feste Größen, die in Europa Abend für Abend bis zu 1000 Fans und auch mal mehr anziehen. Mitte März 2020 hätte eine Frankreich-Tour angestanden, die einen Tag vor dem Start abgesagt wurde, wie er damals der F.A.S. berichtete.

          „Seit ich fest in der Werkstatt arbeite, habe ich acht Touren gemacht“

          Seitdem steht die Konzertwelt größtenteils still. Erst recht für einen wie Hartung, der primär mit internationalen Bands arbeitet. Umso besser, dass er seit Herbst 2019 parallel die Vollzeitstelle als Werkstattleiter innehat, nachdem er dort schon einige Jahre nebenher gearbeitet hatte. „Der Job hat mich gerettet“, sagt Hartung, „selbst als das Land quasi dicht und wir alle in Kurzarbeit waren, haben wir in unserem kleinen Team ganz normal gearbeitet – andernfalls hätte ich mich zu Tode gelangweilt.“

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          Keiner in der Werkstatt ist ausgebildeter Kfz-Mechaniker, Hartung selbst hat Maurer gelernt: „Wir machen es auf unsere Art, und wenn ich in sechs Jahren Tour-Management eines gelernt habe, dann stets den Überblick zu bewahren und alles zu koordinieren.“ Für alles, was sie nicht hinbekämen, habe er mittlerweile einen guten Draht zu drei Fachwerkstätten im Umkreis, zu denen er Wagen bringen könne. Seinen Chef kennt Hartung, seit dieser zwei Jahre alt war. Auch das ermöglichte ihm, stets weiter unterwegs zu bleiben. „Seit ich fest in der Werkstatt arbeite, habe ich acht Touren gemacht“, blickt Hartung zurück. Das hätten sie immer so organisiert, dass es problemlos funktionierte. Mal mit unbezahltem Urlaub, mal mit regulärem – „solange in der Werkstatt am Ende alles läuft, passt das“.

          Was Profisportler und Musiker eint

          Entsprechend unproblematisch ließ sich auch der Einsatz als Team-Betreuer regeln, zumal Hartung hier nur am Spieltag mit dabei ist. Sein Weg zum Eishockey und der zum Tour-Manager ähneln sich auf gewisse Weise: Beide Male begann er als Fan. Im Falle der Musik lud er anfangs Konzertbilder von Hardcore-Shows auf seiner Myspace-Seite hoch. Bald fotografierte er für ein kleines Online-Musikmagazin, eine Weile später dann für einen Veranstalter, der ihn irgendwann fragte, ob er nicht auf seinen Konzerten Stage-Manager werden und als solcher für einen reibungslosen Ablauf sorgen wolle. Über diesen Part kam er automatisch mit verschiedensten Künstlern in Kontakt, bis er nach einiger Zeit als Stage-Manager zum ersten Mal als Tour-Verantwortlicher gebucht wurde. „Klassische Mund-zu-Mund-Propaganda“, nennt er das.

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