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Neue Umfrage : Glücklich und zufrieden in der Kurzarbeit

Sehr unterschiedlich betroffen: Corona ist für manche Branchen noch immer ziemlich hart. Bild: dpa

Kurzarbeit ist ein Grund zu großer Sorge? Nicht immer. Zwar leiden manche Betroffene unter Existenzangst, aber bei weitem nicht alle. Forscher warnen sogar davor, alles zu positiv und gemütlich zu sehen.

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          Eigentlich ist Kurzarbeit ein schlechtes Zeichen: Unternehmen versuchen, sich damit über karge Zeiten zu hangeln, bis wieder bessere Tage kommen – hoffentlich. Viele Beschäftigte in Deutschland empfinden Kurzarbeit in der aktuellen Krise aber nicht als sehr bedrohlich, sondern erstaunlich positiv. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage unter mehr als 3600 Erwerbstätigen in den Monaten Juni und Juli, die der F.A.Z. vorliegt.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Demnach antworteten 43 Prozent derjenigen, die im vergangenen Jahr oder zum Befragungszeitpunkt noch immer von Kurzarbeit betroffen waren auf die Frage nach ihrem Fazit, sie hätten die Zeit als „insgesamt wertvoll“ erlebt. Dagegen fanden nur etwa halb so viele (24 Prozent) ihre Erfahrung „insgesamt belastend“. Männer berichten etwas häufiger (in 29 Prozent der Fälle) von Existenzängsten ausgelöst durch Kurzarbeit als Frauen (21 Prozent); dagegen fanden deutlich mehr Frauen als Männer die Zeit der Kurzarbeit „wertvoll“.

          Die Corona-Krise hat Kurzarbeit in Deutschland zum Massenphänomen werden lassen: Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung waren im Mai etwa 20 Prozent der Beschäftigten (ohne Selbständige und Beamte) tatsächlich in Kurzarbeit. Aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zufolge sinkt allerdings die Zahl der Personen, für die konjunkturelles Kurzarbeitergeld angezeigt wird, nun Monat für Monat. Nach rund 254.000 im Juli waren es im August nur noch rund 170.000.

          Dass Kurzarbeit für die Betroffenen häufig nicht als Schreckensnachricht empfunden wird, zeigen nicht nur die aktuellen Umfrageergebnisse zur Zufriedenheit, die das Marktforschungsunternehmen Yougov im Auftrag des Versicherers HDI erhoben hat. Die Aussagen decken sich mit dem Tenor vorheriger Studien. So hatte etwa eine Panel-Befragung der Uni Mannheim auf dem Höhepunkt der Krise im Mai ermittelt, dass nur etwa ein Drittel der Kurzarbeiter Furcht hatten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Und eine IAB-Umfrage unter sozialversicherungspflichtig beschäftigten Eltern kam für den Mai zu dem Ergebnis, dass die allgemeine Lebenszufriedenheit unter Kurzarbeitern nicht signifikant gesunken war.

          „In der Finanzkrise 2008 und 2009 haben die Menschen die Erfahrung gemacht, dass viele Unternehmen mit Hilfe der Kurzarbeit an den Arbeitsplätzen festhalten“, analysiert Oliver Stettes vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) die Situation. „Die Leute haben auch jetzt wieder das Gefühl: Das Sicherheitsnetz hält.“ Die Einigung der Koalition darauf, das Kurzarbeitergeld von derzeit 12 auf 24 Monate zu verlängern, sieht Stettes aber kritisch. „Es ist wichtig, danach zu fragen, ob ein Arbeitsplatz eine Perspektive hat“, sagt er. „Für manche Branchen ist in der Corona-Krise die Hoffnung absolut berechtigt, dass sie nach einer Durststrecke so weitermachen können wie bisher, vor allem, weil ein flächendeckender Lockdown nicht mehr wahrscheinlich ist.“

          Stettes weist aber darauf hin, dass es mancherorts schon vor Corona viel Veränderungsdruck gab und die Krise diesen Wandel nur beschleunige. Dies sei vor allem im stationären Einzelhandel der Fall. „Abgesehen vom Lebensmitteleinkauf hat sich viel ins Internet verlagert und wird dort bleiben“, prognostiziert der Forscher. „In solchen Branchen ist es besser, wenn die Beschäftigten ein Wechselsignal bekommen, anstatt ihre Arbeitgeber zu lange künstlich am Leben zu erhalten.“

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