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Neue Führungsmethode : Auf der Suche nach Glück

Verrückte neue Führungsmethode: MIT-Professor Otto Scharmer Bild: Sven Nieder / Agentur Focus

Der MIT-Professor Otto Scharmer will die Welt mit einer neuen Führungsmethode in die Balance bringen. Die Kernfrage: „Welchen Ratschlag soll Ihr zukünftiges Ich Ihrem heutigen Ich geben?“ Ist das revolutionär? Oder Esoterik?

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          Es gibt Menschen, die entdecken gerade Fitnessarmbänder als neues Spielzeug, um ihr Wohlbefinden zu steigern. Vielleicht sind sie auf der Suche nach Glück. Ob sie es aber mit der Messung wichtiger Köperfunktionen und der Überwachung des Ausmaßes ihrer täglichen körperlichen Aktivitäten finden werden? Otto Scharmer hat da seine Zweifel: „Wir haben steigende Raten von Burn-Out, Depressionen und Selbstmord. Auf der Makro-Ebene, in den entwickelten Gesellschaften, führt ein höheres Bruttoinlandsprodukte nicht zu mehr Wohlbefinden, also zu mehr Glück“, sagt der deutsche Professor, der seine wissenschaftliche Heimat längst am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gefunden hat. Kurz: „Obwohl wir aktiver als je zuvor produzieren und konsumieren, geht unsere Rate von Glück und Wohlbefinden nach unten.“ Das sei schlecht, denn so könne man nicht nachhaltig wirtschaften.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Scharmer weiß auch, warum das so ist: Wir verbrauchen mehr Ressourcen unseres Planeten als dieser zu regenerieren imstande sei, der Reichtum sei nach wie vor vollkommen ungerecht verteilt. Und die Menschen, die Arbeit haben, bringen sich mit dieser um - im übertragenen Sinn, aber auch, wenn man sich die Zahl von Selbstmorden anschaut. So haben sich etwa im Jahr 2000 nach den Angaben der Weltgesundheitsorganisation mehr Menschen das Leben genommen, als durch kriegerische Handlungen getötet wurden. Andererseits: Immerhin beginnen die Fitnessarmband-Träger, sich selbst eine größere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Das sei ja schon einmal etwas. Aber Scharmer reicht das nicht. Er hofft auf Menschen, die lernen, in größeren Zusammenhängen zu denken.

          Der Personal- und Organisationswissenschaftler, der vor zwanzig Jahren von der Privatuniversität Hagen zum MIT gewechselt ist, empfiehlt deshalb, Entscheidungen nicht allein auf der Basis ihrer Erfahrungen in der Vergangenheit zu treffen. Es gelte, von dem Punkt her zu denken, an dem man am Ende seines (Berufs-)Lebens stehen wolle, ist Scharmers These. Sie klingt simpel, wird aber gerade von Managern oder Politikern viel zu selten beherzigt: „Stellen Sie sich die Frage: Welchen Ratschlag soll Ihr zukünftiges Ich Ihrem heutigen Ich geben?“, schreibt Scharmer in seinem Buch „Leading from the emerging future“: „Was in Ihrem persönlichen oder beruflichen Leben stirbt gerade, von was wollen Sie, dass es geboren wird?“ Mit diesen Fragen bringt er immer mehr Manager zum Nachdenken - so, wie es jüngst auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu beobachten war.

          Scharmer hält die alten Führungsmodelle für überholt, rein hierarchisch, auf sich selbst bezogen oder selbst mit der Einbeziehung aller sogenannten „Stakeholder“ eines Unternehmens sei Führung heute nicht mehr zeitgemäß. Die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft verlange nach einem neuen Ansatz, der von den Managern mehr Aufmerksamkeit und Achtsamkeit verlangt. Von der Zukunft her führen bedeutet nach seiner Meinung, Potentiale und Zukunftschancen zu erkennen und im Hinblick auf aktuell anstehende Aufgaben zu erschließen. Das nennt Scharmer „Presencing“. Ein Wort, das er aus den englischen Verben „presence“(Anwesenheit) und „sensing“ (fühlen) zusammengesetzt hat. Presencing hat für ihn mit zwölf Prinzipien zu tun, die allesamt darum kreisen, dass man seine Umgebung einmal wieder bewusst wahrnimmt. Dass man danach seinem Herzen folgt (so wie es schon der Apple-Mitbegründer Steve Jobs vor den Absolventen der Stanford-Universität empfohlen hatte), Veränderungsbereitschaft zeigt - und niemals aufgibt.

          Ist das Esoterik?

          Ist das neu? Nicht immer. Ist es aber Esoterik? Gewiss auch nicht. Wie viele Krisen der Vergangenheit hätten nicht nur in der Welt der Finanzwirtschaft vermieden werden können, wenn die einzelnen Akteure stärker ihre Rolle in einem Gesamtsystem begriffen und sich der Zusammenhänge bewusst gewesen wären? Scharmers Rat jedenfalls ist gefragt. Er ist Mitbegründer des „Global Wellbeing und Gross National Happiness Lab“, in dem Innovatoren aus Bhutan, Brasilien, Europa und den Vereinigten Staaten verbunden werden, um über Möglichkeiten des Fortschritts jenseits des reinen Wirtschaftswachstums zu reden.

          Das klingt etwas verrückt, aber auch spannend. Und deshalb ist Scharmer für diverse Regierungen sowie für Unternehmen wie Daimler, Eileen Fisher, Fujitsu oder Google tätig. Auf der Suche nach nachhaltigem Glück sind in einer schnelllebigen Zeit mit zu vielen Ungleichgewichten ja alle, ob mit oder ohne Fitnessarmband.

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