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Warum sind es immer die anderen, die im Sattel sitzen, fragen sich neidische Kollegen. Bild: Stefanie Silber

Missgunst im Beruf : Gelb vor Neid auf die Kollegen

Neid ist ein Tabu: Das fühlt man nicht, darüber spricht man nicht. Es sei denn, das zerstörerische Gefühl wird umgewandelt in eine Art gesunden Ehrgeiz.

          6 Min.

          Anfangs ist es nur ein Unbehagen zu sehen, welche Erfolge die anderen haben. Doch dieses unangenehme Gefühl träufelt stetig ein und lässt sich immer schwerer ausblenden. Warum steigt der Müller auf, warum nicht ich? Weshalb bekommt die Meier den lukrativen Kundenkreis zugewiesen, aber ich gehe wieder leer aus? Weshalb darf der Schmidt ins Eckbüro am Ende des Flurs ziehen, und ich werde mit dem Schlauch neben den Toiletten abgespeist – und blass vor Neid? Was die haben, das will ich auch haben! Auf keinen, wirklich auf gar keinen Fall möchte ich meine eigene Unzulänglichkeit spüren, wenn ich deren Erfolge registriere. Neid ist ein zerstörerisches Gefühl und kontaminiert ein Team. Ein regelrechter Giftcocktail bildet sich dann, der einhergeht „mit Gefühlen der Ungerechtigkeit, der Trauer, der Unzufriedenheit“, erklärt die Züricher Psychoanalytikerin Verena Kast.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          So richtig schwierig wird das Ganze, wenn Freude über die Misserfolge anderer hinzukommt – das nennt sich dann Häme. Dass es ein Tabu ist, auf jemand anderen neidisch zu sein, macht den Umgang mit der verschwiegenen Emotion nicht leichter. Denn wer gesteht sich schon offen ein, anfällig für eine der sieben Todsünden zu sein? „Als tabuisiertes Gefühl hat der Neid es an sich, dass er häufig maskiert auftritt“, schreibt der Frankfurter Psychologieprofessor Rolf Haubl. Neid und seine Begleiterin Eifersucht sind „Schamteile der Seele“, findet der Philosoph Friedrich Nietzsche.

          Geschämt haben sich die Studenten damals dem Vernehmen nach nicht, als sie für das berühmte Experiment von Wissenschaftlern der Universität Harvard Folgendes gefragt wurden: Wollt ihr lieber ein Jahreseinkommen von 100.000 Dollar haben, während alle anderen hier im Raum 200.000 Dollar verdienen? Oder zieht ihr die zweite Möglichkeit vor, nämlich 50.000 Dollar zu verdienen, wenn alle anderen nur 25.000 Dollar erhalten? Die Mehrheit entschied sich für die zweite Variante. So buchstabiert sich wohl Missgunst.

          Zeigt her eure Erfolge!

          In der Welt 4.0 sind herrliche Zeiten fürs Neidischsein angebrochen. Durch das Internet wird ein erheblicher Teil des Lebens – nämlich der repräsentative – quasi öffentlich geführt. Erfolge werden hergezeigt. Und möglichst nur die Erfolge. Genau diese vorab gefilterten, in ihrer Kompaktheit völlig unrealistischen Glanzlichter verzerren das Bild. Da genügt ein Blick in berufliche Netzwerke. Netzwerken: Ohne das ist beruflicher Erfolg offenbar kaum noch machbar. Vieles spricht natürlich dafür, auf einer dieser Plattformen sichtbar zu werden. Und sei es nur als Karteileiche. Wer drin ist, der ist „in“. Irgendwie jedenfalls. Rund 23 Millionen Mitglieder sind auf den beiden größten beruflichen Netzwerken Xing und Linked-In registriert, wenn auch mit vielen Überschneidungen bei den Anmeldungen.

          Ein Effekt: Berufliche Details, die vorher nur erahnbar waren und zwischen den Deckeln der Personalakte in Frieden ruhten, sind auf einmal halböffentlich dokumentiert. Das weckt Wünsche und nährt das unangenehme bis peinliche Gefühl, es selbst nicht hinbekommen zu haben. Zuvor wusste nur der Vorgesetzte, wussten allenfalls andere Führungskräfte Bescheid über Details einer Angestellten-Laufbahn. Jetzt wissen das auf einmal Krethi und Plethi, so sie denn wollen. Das nervöse Schielen auf das, was den anderen auszeichnet, nährt Begehrlichkeiten für die eigene, plötzlich so glanzlos erscheinende Biographie.

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