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Nachhaltig führen : Faire Unternehmen – faire Chefs?

  • -Aktualisiert am

Qualität zählt: Mitarbeiter des Bio-Lieferdienstes Querbeet beim Verpacken der Ware. Bild: Frank Röth

Öko, bio, nachhaltig: Wer diese Ziele hat, will auch gut zu seinen Mitarbeitern sein. Aber genügen dafür Lauftreff und Theatergruppe? Zwei Beispiele aus dem Handel.

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          Götz Rehn, Gründer, Inhaber und charismatischer Leiter der Bio-Handelskette Alnatura, schaut in seinen Filialen gern persönlich, wie es dort läuft. Er kenne viele Mitarbeiter mit Namen und erinnere sich auch nach längerer Zeit an sie, ist zu hören. Eine Beobachtung, die in den Filialen zu machen ist, stimmte ihn, wie auch seine Mitarbeiter aus der Personalabteilung, sehr zuversichtlich: Einige Kunden ziehen ihre Jacke aus, nachdem sie die Filiale betreten haben. Würde man das beim Aldi machen? Nein, da sieht man zu, schnell wieder wegzukommen.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Den Unterschied macht die Atmosphäre – ein weicher Begriff, nach dem Philosophen Gernot Böhme jedenfalls etwas, was sich im Zwischenraum und in der Wechselwirkung vermittelt zwischen Betrachter und Betrachtetem, hier also den Supermarktregalen, der Käsetheke und den Mitarbeitern. Und so lässt sich der seit Jahrzehnten wachsende Erfolg von Alnatura womöglich erklären, die steigende Filialzahl, die wachsenden Umsätze und die Exporte in immer mehr Länder: Besonders ist die Unternehmenskultur – vermittelt auch in der Art und Weise, wie der Inhaber über sein Geschäft redet.

          Rehn spricht ständig von „Sinn“ und auch davon, dass die Wirtschaft dem Menschen dienen müsse, nicht umgekehrt. So etwas sagt jeder Großkapitalist zwar leicht, und auch ein Schwernarzisst würde es locker über die Lippen bringen. Aber bei Rehn, und auch in den kleinen Filialen, ist zu spüren, dass diese Sinnfrage wirklich ernsthaft und ein wesentliches Thema ist, ein Gründungsmythos und ein Leitmotiv in der Konzernzentrale.

          Keine exklusiven Merkmale für Biobetriebe

          Dass Unternehmen, deren Gründer sich Fairness und Nachhaltigkeit verschrieben haben, auch ihre Mitarbeiter nach ethischen Regeln führen wollen, ist zwar nachvollziehbar, erfolgt aber keineswegs zwangsläufig. Um diese Herausforderung zu meistern, braucht es nach Ansicht der Wissenschaftler Jürgen Weibler und Thomas Kuhn zweierlei: „ethische Führungskräfte“, die eine hohe persönliche Integrität besitzen, sowie ein passendes Umfeld im Unternehmen, welches das „ethikbewusste Verhalten des Führungspersonals ermöglicht oder zumindest nicht behindert“.

          Faires Handeln und nachhaltiges Wirtschaften sind zudem keine exklusiven Merkmale für Biobetriebe. Auch die meisten der größten Börsenwerte in Deutschland legen in sogenannten CSR-Reports regelmäßig Rechenschaft über Nachhaltigkeit ab. „Da es den großen Dax-Werten jedoch freigestellt ist, über welche Aspekte von Corporate Social Responsibility sie dort berichten, sind sie miteinander kaum vergleichbar“, sagt Gerd Hofielen, Berater für Unternehmensethik in Berlin.

          Ebenso wenig lassen sich die Anstrengungen von Alnatura für das Mitarbeiterglück in objektiv vergleichbare Messgrößen packen. Die einfache Aufzählung der Maßnahmen liest sich allerdings beachtlich. Ein Thema ist etwa die Entfremdung zwischen Kunde und Personal, die auch an den Supermarktkassen ein Dauerbrenner ist. Wie kämpft man dagegen an? Alnatura versucht es mit einem freien Tag je Mitarbeiter im Jahr, der für ökologische oder soziale Projekte hergegeben werden sollte. Für Auszubildende, die bei Alnatura Lehrlinge heißen, weil sie etwas lernen sollen, gibt es verpflichtende Theaterprogramme, die auch freies Reden und selbstbewusstes Auftreten schulen. Die Lehrlinge machen zudem Praktika auf Biohöfen. Für alle Mitarbeiter gibt es in jedem Jahr ein neues Weiterbildungsangebot. Etwa Seminare über Brotbacken und Käsen, Naturkosmetik oder Wein. Viele sind verpflichtend, etwa auch das Grundlagenseminar Biobackwaren für die Bäckereiverkäufer. In der Firmenzentrale im hessischen Bickenbach stellten Mitarbeiter sechs Demeter-Bienenkörbe auf, neuerdings gibt es auch einen Lauftreff.

          Weiterbilden: Alnatura-Mitarbeiter während eines Imker-Seminars

          Doch auch viele solcher Einzelmaßnahmen und Graswurzel-Imkereien machen noch keine gute Unternehmenskultur, sie könnten von einigen ja geradezu als lächerlich oder als Zwang empfunden werden. Und verordnete Unternehmenskultur bedeute nicht, wie der BWL-Professor Bernd Irlenbusch jüngst in der F.A.Z. über gute und verdorbene Unternehmenskulturen schrieb, dass diese „im Unternehmen auch gelebt“ werde.

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