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Mobilität im Beruf : Der Mythos vom globalen Manager

Einfach auf und davon? So mobil sind Topmanager eigentlich gar nicht! Bild: dpa

Mit Millionengehältern sollen Führungskräfte von einem Wechsel zur Konkurrenz im Ausland abgehalten werden. Aber ist die Wirtschaftselite so mobil, wie sie gern tut?

          5 Min.

          Wenn in Deutschland über die Höhe von Managergehältern gestritten wird, argumentieren die Verteidiger sehr hoher Vergütungen gerne mit dem Markt. „Wir müssen unser Gehaltsgefüge im internationalen Vergleich betrachten“, wird etwa Rupert Stadler, der Vorstandsvorsitzende des Autoherstellers Audi, zitiert. Schließlich stehe man nicht nur mit den Produkten im internationalen Wettbewerb, sondern auch bei den Führungskräften, findet Stadler, der für seine erfolgreiche Arbeit im Dienste der Volkswagen-Tochtergesellschaft selbst jährlich Millionen kassiert. Im Jahr 2011, als VW-Chef Martin Winterkorn mehr als 17 Millionen Euro einstrich und damit eine öffentliche Debatte auslöste, flossen auch auf Stadlers Konto mehr als 7,5 Millionen Euro.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Was Autokonzernen recht ist, ist den Banken nur billig. Auch nach der Finanzkrise verdient die Führungsriege der Geldhäuser weiterhin prächtig. Jürgen Hambrecht, einst Chef des Chemiekonzerns BASF und Mitglied der Vergütungskommission der Deutschen Bank, nannte die Neureglung der Bonisysteme für die Deutschbanker eine „marktkonforme“ Entlohnung, die im weltweiten Wettbewerb mithalten kann. „Sonst ist die Bank nicht in der Lage, die besten Talente anzuziehen.“

          Die Logik leuchtet Außenstehenden zunächst auch ein: Wenn internationale Konzerne um die besten Manager buhlen, müssen die Gehälter konkurrenzfähig sein. Sonst droht einem ganzen Wirtschaftsstandort Gefahr. Dass es diesen globalen Managermarkt überhaupt gibt, daran scheint in einer zunehmend globalisierten Welt kaum jemand zu zweifeln. Oder wie ist es anders zu erklären, dass es zu dieser Frage bislang relativ wenig Forschung gibt, obwohl die Höhe der Managergehälter derart polarisiert?

          Die Chefs bleiben lieber zu Hause

          Umso interessanter ist deshalb eine neue Studie des Darmstädter Soziologen und Elitenforschers Michael Hartmann. Darin kommt Hartmann, der sich in früheren Arbeiten schon kritisch mit dem Thema Leistungseliten auseinandergesetzt hat, zu einem klaren Ergebnis: „Die hohen Gehälter können nicht mit einem internationalen Markt für Topmanager gerechtfertigt werden.“ Nur ein einziger deutscher Manager führt eines der hundert größten Unternehmen in einem anderen großen Industrieland.

          Damit bestätigt der Soziologe die Kernaussagen seiner ersten Untersuchung vor zehn Jahren. Hartmann ging bei der Neuauflage nach demselben Verfahren vor: Untersucht wurden Nationalität sowie Bildungs- und Karrierewege der Spitzenmanager der jeweils hundert größten Unternehmen Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, der Vereinigten Staaten von Amerika, Japans und Chinas sowie der 30 größten Italiens und Spaniens. Für Deutschland wurde dabei die „Liste der 100 größten Unternehmen“ benutzt, welche die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ regelmäßig veröffentlicht.

          Generell sieht der Wissenschaftler die allgemeine Aussage von 2005 bestätigt, „dass die These von der globalen oder internationalen Businesselite nicht die Realität beschreibt, sondern einen Mythos“. Allerdings unterscheiden sich die Entwicklungen in den untersuchten Ländern. Demnach kam es im letzten Jahrzehnt mit Blick auf die Internationalisierung des Topmanagements zu einer deutlichen Polarisierung zwischen den acht Ländern. Auf der einen Seite stehen mit Deutschland und Großbritannien zwei europäische Staaten, deren Spitzenmanager mit 15 beziehungsweise 33 Ausländern in ihren Reihen und Auslandserfahrungen bei knapp der Hälfte beziehungsweise knapp einem Viertel der einheimischen Manager deutlich internationaler aufgestellt sind als vor zehn Jahren - auch wenn die Ausländer an der Spitze der deutschen Großkonzerne immer noch überwiegend aus benachbarten Ländern wie Österreich oder den Niederlanden stammten, die uns auch sprachlich und kulturell nah sind. Am anderen Ende des Spektrums stünden China und Japan, wo es laut Studie nicht nur weiterhin faktisch kein Ausländer an die Spitze eines Großunternehmens geschafft habe, sondern im Gegenteil - und im Unterschied zu allen anderen Ländern - auch der Anteil der auslandserfahrenen einheimischen Topmanager rückläufig sei.

          Die Länder sind noch weiter auseinandergedriftet

          Das Mittelfeld bildet eine Gruppe von Ländern, deren Spitzenmanager zwar langsam internationaler werden, was aber fast ausschließlich in Form von mehr auslandserfahrenen einheimischen Managern geschieht. Selbst wenn man jene zwei Amerikaner zu den Ausländern zähle, die sich im späteren Verlauf ihrer Karrieren haben einbürgern lassen, so bleibe der Anteil der Ausländer mit null in Italien und Spanien bis sieben in den Vereinigten Staaten doch sehr überschaubar. In diesen Ländern ist auch die Neigung des Spitzenpersonals sehr begrenzt, jenseits der Landesgrenzen Berufserfahrung zu sammeln. In Amerika und Spanien können jeweils 17 Prozent Auslandserfahrung vorweisen, in Frankreich sind es 26 Prozent. Knapp drei Viertel bis gut vier Fünftel der Spitzenpositionen werden weiterhin von einheimischen Managern ohne jegliche längere Auslandserfahrung besetzt, heißt es. „Insgesamt hat keine Annäherung der Eliten aus den verschiedenen Ländern stattgefunden“, schlussfolgert Hartmann. Eher sei das Gegenteil der Fall: Die Länder sind noch weiter auseinandergedriftet.

          In einem anderen Punkt rückt er allerdings von seinen früheren Erkenntnissen etwas ab. Als eine der Ursachen für das geringe Maß an Internationalität nahm er damals „die ungebrochene Dominanz traditioneller nationaler Karrieremuster“ an. Diese Karrieremuster seien aber nur in jenen Ländern eine wirklich stabile und dauerhafte Barriere, wo sie zwei Kriterien erfüllten: Die Karrieren müssen zu einem erheblichen Teil durch Positionen im Staatsapparat führen oder unmittelbar nach dem Abschluss an einer nationalen Elitehochschule in Form einer ausschließlichen Hauskarriere beginnen.

          Charakteristisch für den ersten Typus ist demnach China, wo immer noch jeder dritte Topmanager seine berufliche Laufbahn in einer staatlichen Institution begonnen hat. In Frankreich lasse sich derselbe Mechanismus beobachten. Nur zwei der 37 Vorstandschefs hatten zuvor keine herausgehobene Stellung im öffentlichen Dienst bekleidet. Für Ausländer dürfte eine solche Karriere so gut wie unmöglich sein. Den zweiten Typus repräsentierten japanische Großunternehmen, die ihren Managementnachwuchs seit Jahrzehnten üblich direkt nach dem Hochschulabschluss rekrutierten. Unternehmenswechsel seien nahezu ausgeschlossen.

          MBA ohne Relevanz

          Ein wichtiger Einfluss auf die Internationalisierung sollte auch von den MBA-Abschlüssen ausgehen. „Sie haben für die Internationalisierung des Topmanagements, anders als vielfach angenommen, keine nennenswerte Relevanz“, bilanziert Hartmann überraschend. Außerhalb der Länder, wo sie traditionell den Studienabschluss bilden, stellten sie nur eine während des Berufs nebenbei erworbene Zusatzqualifikation dar. Hartmann spricht von einer „Veredelung der eigentlichen Abschlüsse wie Diplom, Staatsexamen oder Promotion“. Außerdem liegt der Anteil unter den deutschen Vorstandschefs mit 6 Prozent und bei den übrigen Vorstandsmitgliedern mit weniger als 4 Prozent nicht höher als im Jahr 2005.

          In einer Betrachtung für das Magazin „Personalführung“ hat sich Hartmann speziell mit der Entwicklung von Karrieren deutscher Führungskräfte auseinandergesetzt. „Eine Ablösung des traditionellen deutschen Managementmodells ist nach wie vor nicht zu sehen“, lautet sein Fazit. Zwar stellten die Wirtschaftswissenschaftler mittlerweile fast jeden zweiten Vorstand. Ihr Zugewinn erfolgte aber wie schon 2005 zu Lasten der Juristen und nicht zu Lasten der Ingenieure und Naturwissenschaftler. „Die Juristen sind aus den Vorstandsetagen weitgehend verschwunden, die Ingenieure und Techniker haben sich gut behauptet.“ Da auch die Lehre ihren Stellenwert behaupten konnte, müsse man hinsichtlich der Ausbildungswege der deutschen Topmanager weiterhin von erstaunlicher Kontinuität sprechen. „Alles beim Alten“, konstatiert Hartmann, „wie seit Jahrzehnten hat jeder vierte Vorstandschef eine Lehre gemacht und jeder zweite promoviert.“

          Für die Karrieremuster gelte das im Kern zwar auch, allerdings gerate die klassische Hauskarriere in Deutschland allmählich ins Wanken. Brancheninterne Wechsel werden zahlreicher, wie die Beispiele der Großbanken oder der Autoindustrie deutlich zeigen. Eine wirkliche Abkehr vom traditionellen Modell des Aufstiegs sei aber noch nicht auszumachen, da unternehmens- oder branchenbezogene Kenntnisse immer noch eine entscheidende Rolle bei der Rekrutierung spielten. Finanzwirtschaftlich orientierte Generalisten angelsächsischer Prägung hätten nicht an Boden gewinnen können.

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