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Mobilität im Beruf : Der Mythos vom globalen Manager

Die Länder sind noch weiter auseinandergedriftet

Das Mittelfeld bildet eine Gruppe von Ländern, deren Spitzenmanager zwar langsam internationaler werden, was aber fast ausschließlich in Form von mehr auslandserfahrenen einheimischen Managern geschieht. Selbst wenn man jene zwei Amerikaner zu den Ausländern zähle, die sich im späteren Verlauf ihrer Karrieren haben einbürgern lassen, so bleibe der Anteil der Ausländer mit null in Italien und Spanien bis sieben in den Vereinigten Staaten doch sehr überschaubar. In diesen Ländern ist auch die Neigung des Spitzenpersonals sehr begrenzt, jenseits der Landesgrenzen Berufserfahrung zu sammeln. In Amerika und Spanien können jeweils 17 Prozent Auslandserfahrung vorweisen, in Frankreich sind es 26 Prozent. Knapp drei Viertel bis gut vier Fünftel der Spitzenpositionen werden weiterhin von einheimischen Managern ohne jegliche längere Auslandserfahrung besetzt, heißt es. „Insgesamt hat keine Annäherung der Eliten aus den verschiedenen Ländern stattgefunden“, schlussfolgert Hartmann. Eher sei das Gegenteil der Fall: Die Länder sind noch weiter auseinandergedriftet.

In einem anderen Punkt rückt er allerdings von seinen früheren Erkenntnissen etwas ab. Als eine der Ursachen für das geringe Maß an Internationalität nahm er damals „die ungebrochene Dominanz traditioneller nationaler Karrieremuster“ an. Diese Karrieremuster seien aber nur in jenen Ländern eine wirklich stabile und dauerhafte Barriere, wo sie zwei Kriterien erfüllten: Die Karrieren müssen zu einem erheblichen Teil durch Positionen im Staatsapparat führen oder unmittelbar nach dem Abschluss an einer nationalen Elitehochschule in Form einer ausschließlichen Hauskarriere beginnen.

Charakteristisch für den ersten Typus ist demnach China, wo immer noch jeder dritte Topmanager seine berufliche Laufbahn in einer staatlichen Institution begonnen hat. In Frankreich lasse sich derselbe Mechanismus beobachten. Nur zwei der 37 Vorstandschefs hatten zuvor keine herausgehobene Stellung im öffentlichen Dienst bekleidet. Für Ausländer dürfte eine solche Karriere so gut wie unmöglich sein. Den zweiten Typus repräsentierten japanische Großunternehmen, die ihren Managementnachwuchs seit Jahrzehnten üblich direkt nach dem Hochschulabschluss rekrutierten. Unternehmenswechsel seien nahezu ausgeschlossen.

MBA ohne Relevanz

Ein wichtiger Einfluss auf die Internationalisierung sollte auch von den MBA-Abschlüssen ausgehen. „Sie haben für die Internationalisierung des Topmanagements, anders als vielfach angenommen, keine nennenswerte Relevanz“, bilanziert Hartmann überraschend. Außerhalb der Länder, wo sie traditionell den Studienabschluss bilden, stellten sie nur eine während des Berufs nebenbei erworbene Zusatzqualifikation dar. Hartmann spricht von einer „Veredelung der eigentlichen Abschlüsse wie Diplom, Staatsexamen oder Promotion“. Außerdem liegt der Anteil unter den deutschen Vorstandschefs mit 6 Prozent und bei den übrigen Vorstandsmitgliedern mit weniger als 4 Prozent nicht höher als im Jahr 2005.

In einer Betrachtung für das Magazin „Personalführung“ hat sich Hartmann speziell mit der Entwicklung von Karrieren deutscher Führungskräfte auseinandergesetzt. „Eine Ablösung des traditionellen deutschen Managementmodells ist nach wie vor nicht zu sehen“, lautet sein Fazit. Zwar stellten die Wirtschaftswissenschaftler mittlerweile fast jeden zweiten Vorstand. Ihr Zugewinn erfolgte aber wie schon 2005 zu Lasten der Juristen und nicht zu Lasten der Ingenieure und Naturwissenschaftler. „Die Juristen sind aus den Vorstandsetagen weitgehend verschwunden, die Ingenieure und Techniker haben sich gut behauptet.“ Da auch die Lehre ihren Stellenwert behaupten konnte, müsse man hinsichtlich der Ausbildungswege der deutschen Topmanager weiterhin von erstaunlicher Kontinuität sprechen. „Alles beim Alten“, konstatiert Hartmann, „wie seit Jahrzehnten hat jeder vierte Vorstandschef eine Lehre gemacht und jeder zweite promoviert.“

Für die Karrieremuster gelte das im Kern zwar auch, allerdings gerate die klassische Hauskarriere in Deutschland allmählich ins Wanken. Brancheninterne Wechsel werden zahlreicher, wie die Beispiele der Großbanken oder der Autoindustrie deutlich zeigen. Eine wirkliche Abkehr vom traditionellen Modell des Aufstiegs sei aber noch nicht auszumachen, da unternehmens- oder branchenbezogene Kenntnisse immer noch eine entscheidende Rolle bei der Rekrutierung spielten. Finanzwirtschaftlich orientierte Generalisten angelsächsischer Prägung hätten nicht an Boden gewinnen können.

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