https://www.faz.net/-gyl-7umwf

Mitarbeiter bestimmen : Wähl dir deinen Chef

Dann lotste ihn der Computerspieleentwickler Crytek nach Frankfurt, wo er demokratische Mitbestimmung einführen sollte. Als Vorbilder galten der brasilianische Industriekonzern Semco oder W.L. Gore and Associates aus Amerika. Der Hersteller der Goretex-Textilien wurde bekannt für seine äußerst flachen Hierarchien, in den von den Mitarbeitern gewählte Associates die klassischen Chefs ersetzen. Zu ihren Aufgaben gehört es, Mitarbeiter dabei zu fördern, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Die Strukturen in solchen Unternehmen seien immer ähnlich, erklärt Fischer: „Die Leute müssen sich vernetzen und kommunizieren.“ Für die jeweiligen Einheiten gebe es Obergrenzen, sonst komme keine wirkliche Kommunikation zustande. Bei Crytek begann Fischer mit 60 Leuten. Zunächst stellte er den Führungskräften einige Fragen: Liebst du deine Aufgabe? Hast du, was du dafür brauchst? Und fühlst du dich gewertschätzt? Anschließend habe den Managern gesagt: „Macht Eure Arbeit, wie ihr es für richtig haltet - dann gibt es keinen Grund mehr für Beschwerden.“ Die Idee trug Früchte, die Einheit wurde deutlich produktiver. Allerdings habe sich eine Kluft zum Rest der Belegschaft aufgetan, der sich aufs Abstellgleis geschoben fühlte.

Manche wollen gar nicht Chef werden

Fischer bietet heute mit seinem eigenen Unternehmen Resourceful Humans solche Modelle für Unternehmen an. Viele Ideen stammen aus der Computerspielindustrie. Etwa ein Bonussystem, das auf der Anzahl von Sternen basiert, die sich Mitarbeiter gegenseitig für gute Arbeit geben können. Natürlich sei sofort der Einwand gekommen, dass der Klüngelei damit Tür und Tor geöffnet werde. Aber es funktioniere wegen der völligen Offenheit darüber, wer wem für welche Leistung wie viele Sterne gebe. Fehlt der Bezug zur Leistung, fällt das auf. „Ohne diese Transparenz geht nichts“, hält Fischer fest.

Die Krönung von Fischers Demokratisierungsbewegung war die Durchführung der Wahl eines neuen Vorstandsvorsitzenden des Schweizer Unternehmens Haufe-umantis vergangenes Jahr: Der Gründer des Software-Anbieters wollte sich von der Spitze zurückziehen, und sein Nachfolger wurde von der Belegschaft aus drei Kandidaten gewählt. Die Mehrheit der Stimmen vereinte der bisherige Vertriebsleiter Marc Stoffel auf sich, der auch als Favorit die Nachfolge gegolten hatte. Auch auf den unteren Führungsebenen lässt Stoffel abstimmen. „Dabei setzen sich zumeist nicht die vermeintlich angenehmsten Kandidaten durch“, meint Fischer erkannt zu haben, „sondern die klarsten.“

Und mancher „Gehaltssprungmanager“, der eigentlich gar nicht zur Führungskraft tauge, sei sogar regelrecht erleichtert, wenn die anderen ihn aus der ungeliebten Rolle herauswählten. Ob wirklich jeder Wahlverlierer so souverän mit dem Endergebnis umzugehen vermag? Eine unterlegene Kandidatin macht im Firmenblog jedenfalls aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Sie fühle sich erleichtert, weil nach der Wahl der emotionale Druck verschwand. „Nun kann ich mich wieder normal verhalten, ohne Angst vor Beeinflussung eines Wahlergebnisses.“

Weitere Themen

Topmeldungen

„Keiner kann genau sagen, was in den nächsten Wochen kommt“, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn zu dem, was deutsche Kliniken erwartet.

Warten auf die Corona-Welle : Wann kommt der Sturm?

Deutschlands Kliniken bereiten sich auf eine Herausforderung von historischem Ausmaß vor. In einer besonderen Situation: die Geburtshilfe. Wie gut ist Deutschland gewappnet für das, was da kommt?
Bolsonaro begrüßt Unterstützer vor einer Pressekonferenz zur Corona-Pandemie.

Bolsonaro empört Brasilianer : Der letzte Corona-Leugner

Die Gouverneure fordern die Brasilianer auf, wegen der Pandemie zu Hause zu bleiben. Der Präsident hält mit einer PR-Kampagne dagegen. Unterstützer gehen auf Distanz. Muss Bolsonaro bald um sein Amt kämpfen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.