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Mitarbeiter bestimmen : Wähl dir deinen Chef

Im vergangenen Jahr trommelten die Chefs deshalb alle Mitarbeiter zusammen, und jeder sollte sein Wunschgehalt aufschreiben. Vier Fragen sollte sich jeder Mitarbeiter vor der persönlichen Lohnfindung beantworten: Was brauche ich? Wie viel verdiene ich am freien Markt? Was kriegen meine Kollegen? Und was kann sich das Unternehmen leisten? Anschließend musste jeder seine Forderung mit den Kollegen diskutieren. „So viel Offenheit erfordert Mut und tut auch emotional weh“, berichtet Vester. Jeder Beschäftigte konnte auch sein Veto einlegen, wenn ihm die Forderung eines Kollegen oder der Chefs zu unverschämt erschien. „Beschwert euch jetzt“, habe Vester die Belegschaft damals aufgefordert. „Ich wollte danach kein Gemecker in der Raucherecke haben.“

Menschen mit Verantwortung machen was draus

Am Ende dieses Prozesses hatte sich ein Drittel der Mitarbeiter eine Gehaltserhöhung verordnet, der Rest war mit seinem Salär zufrieden, weniger wollte keiner haben. Nun begann für die Geschäftsführung das große Herumrechnen, ob ein Anstieg der Personalkosten um fast 7 Prozent überhaupt zu stemmen war. Er war es nicht. Um das Projekt damit nicht gegen die Wand zu fahren, ließ sich Geschäftsführer Vester etwas einfallen: Die Erhöhung wurde an die Geschäftsentwicklung gekoppelt. Und nachdem die Ziele für das folgende Halbjahr erreicht wurden, flossen auch die Gehaltserhöhungen. Im August hat Elbdudler gerade die zweite Gehaltsrunde gestartet.

„Das einzige Dumme an unserer Idee ist, dass wir sie nicht schon früher hatten“, lautet das Fazit Vesters, der selbst offen über sein Salär von 6000 Euro brutto im Monat redet. Das Gehaltsmodell von Elbdudler habe viele Vorteile: Als Vorgesetzter müsse er sich viel weniger um Beurteilungen und Steuerung der Mitarbeiter kümmern. Gleichzeitig sei das Personal hochengagiert. „Wenn Menschen Verantwortung bekommen, machen sie was daraus“, lautet seine Erfahrung. Und mit dem Gehalt herausreden könne sich auch niemand mehr, wenn seine Leistung nicht stimme.

Mittlerweile referiert der Elbdudler-Gründer häufig vor anderen Unternehmern und Managern über das Thema. Das Interesse sei groß, die Zahl der Nachahmer allerdings noch klein, räumt er ein. Neulich habe ihn ein Geschäftsführer eine halbe Stunde lang mit offensichtlich großem Interesse über seine Erfahrungen befragt. Als Vester dann erzählte, dass er als Chef auch an diesem Lohnfindungsprozess teilnehme und dies auch als einen Schlüssel zum Erfolg betrachte, folgte nur noch ein gedehntes „ach sooo ...“ und damit sei das Gespräch zu Ende gewesen.

Selbstorganisation nicht nur etwas für Akademiker

Wenn schon Arbeitszeit und Gehalt gewählt werden können, warum dann nicht auch (Führungs)-Personal? Wähl dir deinen Chef - geht das überhaupt? Es geht, behauptet Heiko Fischer. Der 37 Jahre alte Geschäftsmann aus Berlin hat seine Karriere beim Technologiekonzern HP im klassischen Personalmanagement begonnen. In den engen Konzernstrukturen habe er einige furchtbare Erfahrungen gemacht. Er wechselte zunächst zum Online-Händler Ebay in den Kundendienst. Dort wurde viel mit Selbstorganisation experimentiert. Er habe gemerkt, dass das mit allen Mitarbeitern funktioniert und nicht nur mit Akademikern in Start-ups, wie es oft heiße. „Das geht auch mit Menschen, die vom Arbeitsamt kommen“, sagt Fischer.

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