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Mindestlohn für Praktikanten : Gefährlich teuer

Gerade in der Industrie brauchen Praktikanten oft mehr als drei Monate, um sich zurechtzufinden und etwas zu lernen. Bild: Cultura RF / vario images

Wer länger als drei Monate in einen Job hineinschnuppert, muss einen Mindestlohn von 1500 Euro erhalten. So viel zahlt noch nicht einmal die Arbeitsministerin.

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          Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat ein Herz für Praktikanten. Mit der Gehaltsabrechnung für Januar hat sie ihnen kurzerhand den Lohn verdoppelt - qua Gesetz. Genau wie jeder andere Arbeitnehmer in Deutschland haben nun alle Praktikanten Anspruch auf einen Stundenlohn von mindestens 8,50 Euro brutto, das sind etwa 1470 Euro im Monat - fast das Doppelte dessen, was sie bisher nach Hause getragen haben. Der Durchschnitt lag bei 770,89 Euro im Monat.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Nahles’ eigene Praktikanten können davon nur träumen. Im Ministerium gibt es für Praktika weiterhin nur 300 Euro brutto im Monat - und keinen Cent mehr. Dafür hat die Sozialdemokratin auch gute Gründe. „Bei Pflichtpraktikanten und kurzen freiwilligen Praktika steht klar die Ausbildung im Vordergrund“, argumentiert ein Ministeriumssprecher. „Es handelt sich regelmäßig nicht um eine Arbeitsleistung.“ Die 300 Euro seien lediglich eine „Aufwandsentschädigung“ zum Beispiel für die Fahrtkosten und den Besuch in der Kantine.

          Das mögen Kritiker für nicht ganz legitim halten, legal ist es allemal. Nahles nutzt schließlich nur die Ausnahmen, die ihre Mitarbeiter selbst ins Gesetz geschrieben haben. Erst mit einer Praktikumsdauer von mehr als drei Monaten wird der Mindestlohn fällig, bei Pflichtpraktika entfällt er ganz. Daran hält sich auch das Bundesarbeitsministerium: Nur vier, maximal 12 Wochen dürfen die Praktikanten bleiben. Dann findet die Ausbildung ihr natürliches Ende.

          „Das Gesetz geht an der Wirklichkeit vorbei“

          Die Gehaltsuntergrenze ist erst seit gut drei Wochen in Kraft. Doch schon sind die nachhaltigen Veränderungen sichtbar, die das Gesetz mit sich bringt. In der neuen Welt des Mindestlohns ist die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und gesetzgeberischem Anspruch nirgends so groß wie in diesem Bereich. Sicherlich können sich auch ein paar reguläre Arbeitnehmer anlässlich des Mindestlohns über ein oder zwei Euro Gehaltserhöhung freuen. Aber eine so gravierende Erhöhung, die zu einer Verdoppelung, manchmal gar zu einer Verdreifachung der Löhne führt? Und das in einem Ausbildungsbereich, der rund 600.000 vorwiegend junge Menschen ohne nennenswerte Berufserfahrung umfasst?

          „Das Gesetz geht an der Wirklichkeit vollkommen vorbei“, sagt etwa Christoph Jost, Geschäftsführer von Absolventa Jobnet, einer Online-Plattform für Praktikumsplätze. Nächste Woche veranstaltet das Unternehmen gemeinsam mit der Unternehmensberatung Clevis und dem Karriereportal praktikum.info den „Tag des Praktikanten“. Der bundesweite Kongress, auf dem es erstmals um die Auswirkungen des Mindestlohns geht, ist jetzt schon hoffnungslos überbucht - so dass sich die Veranstalter noch nicht einmal die Mühe machen, das Programm auf die Internetseite zu stellen. Auch Arbeitsministerin Nahles hat ihr Kommen angekündigt.

          Nach einem Monat : Wie sich der Mindestlohn auswirkt

          Klar ist schon jetzt: Eher zur Ausnahme wird künftig das klassische Praktikum, bei dem man nicht nur in einen Betrieb reinschnuppert, sondern über vier oder sechs Monate hinweg erste wichtige Berufserfahrungen sammelt. Nur wenige Unternehmen werden es sich leisten können, eine Vollzeitstelle für schlappe 1500 Euro brutto einzurichten. Das gilt besonders für den bei Praktikanten beliebten Mittelstand, aber selbst großen Dax-Konzernen dürfte es schwerfallen. Bei 600 Praktikanten im Unternehmen wird eine Verdopplung des Lohns auch für die Riesen zur nennenswerte Größe. Im Zweifel werden dann eben Stellen gestrichen.

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