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Scheitern im Arbeitsleben : „Selbst das eigene Elend kann irgendwann langweilig werden“

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Und dann gewinnt der Igel.

Ja. Weil er sich akribischer vorbereitet hat. Alles sehr zielstrebig und am Ende sogar brillant. Und alles für Charly völlig überraschend. Er hat das nicht mitbekommen.

Wie kam es, dass aus Kai plötzlich ein Spitzenmann wurde?

Strategisches Denken. Selbstvertrauen. Verzicht auf sofortige Bedürfnisbefriedigung. Langer Atem. Unabhängigkeit von Außenwirkung.

Aber das kann sich doch später wieder drehen?

So ist das im Leben. Der erste Schritt zur Heilung kommt dank Kais dümmlicher Freundin. Da atmet Charly auf und kann wieder lachen.

Charlys Karriere macht Fortschritte.

Er wird selbst langsam besser. Er legt die jugendliche Hochstapelei ab, lernt Personalführung, versteht Finanzdinge, kann Entscheidungen treffen. Daraus schält sich das Format eines Menschen, der sein Metier beherrscht. Glück hat er auch, mit einer neuen Stelle als Geschäftsführer eines 180 Jahre alten Hamburger Traditionsunternehmens. Dagegen ist dann plötzlich der McKinsey-Mann ein Hallodri. Die Zeit tut ihr Übriges: Irgendwann ist der Charly, der unter Kai gelitten hat, nur noch eine ferne Erinnerung.

Das ist die zentrale Botschaft: Probleme im Leben lassen sich nicht lösen. Sondern sie sind irgendwann keine Probleme mehr.

So ist es.

Der Verweis auf die Zeit hat im Roman etwas Tröstliches. Im wahren Leben weiß man nicht, ob und wann es wieder gut wird. Muss man am Ende zum Fatalisten werden?

Alles steht unter dem Stern der Fatalität. Was man ignorieren muss, um seine Sache einfach so ordentlich wie möglich durchzuziehen.

Charly rettet am Ende sein Handelshaus vor dem finanziellen Ruin.

Er hat Autorität bekommen, ist fachlich besser geworden, seelisch gefestigt. Da kann man im entscheidenden Moment das Richtige tun. Durch Sieg und Niederlagen gestählt, kann er seine Überzeugungen verteidigen.

Charly macht Warentermingeschäfte mit Kautschuk. Ist das der Einzug des spekulativen Kapitalismus, selbst in einer Hamburger Traditionsfirma?

Ideologisch habe ich keine Meinung dazu. Ich stelle nur fest, dass sich die Welt verändert hat - selbst bodenständige Hamburger Kaufleute spekulieren, wenn die Gewinnchancen dort größer sind als in der Realwirtschaft.

Charly kommt klüger aus dem Roman heraus, als er in ihn hineingegangen ist. Das ist die Utopie des Entwicklungsromans seit Goethes Wilhelm Meister. Sind Sie ein altmodischer Schriftsteller?

Das Leben ist der Raum zu reifen. Aber der Reifeprozess ist kurvenreich und dialektisch. Es gibt keine Garantie dafür, dass die Sache gut ausgeht.

Wir fragen zum Schluss noch einmal: Was ist gelingendes Leben?

Das verändert sich im Lauf des Lebens. Die Faszination für das eigene Ich lässt nach. Aber sicher vor einer neuen Identitätskrise sind solche Männer nie. Banalerweise manifestiert sich das oft genug in Frauengeschichten. So wie ich Charly kenne, würde ich vermuten: Er reißt sich zusammen, bis die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind und Abitur gemacht haben. Langeweile und Ungenügen am Status Quo sind die wichtigsten Antriebskräfte für die meisten Dinge, die auf dieser Welt passieren. Das Gleichmaß des Lebens erzeugt Überdruss, man sucht Veränderungen um der Veränderungen willen.

Ist das schlecht?

Es ist ambivalent. In Firmen ist es häufig so: Jene Leute, die am meisten von Veränderungen reden, wollen sie am wenigsten. Auch da hat Charly seine Erfahrungen gemacht: Seine frühere Firma hat ihm eine teure Ausbildung zum „Change Manager“ bezahlt. Am Ende scheitern all seine Ideen an der banalen Mischung aus Eitelkeit, Egozentrik, Feigheit, Faulheit, Missgunst und Dünkel der Vorgesetzten und Kollegen. Aber auch diese letztlich sinnlose Aktion hat ihren Zweck erfüllt, die Langeweile zu durchbrechen. Langeweile und das Aufbegehren dagegen ist die größte Macht in unserer Existenz.

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