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Scheitern im Arbeitsleben : „Selbst das eigene Elend kann irgendwann langweilig werden“

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Für ihn gilt die Fußballerweisheit: „Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech hinzu.“ Wir wissen nicht, ob die Frau ihren Mann bewusst in dem Moment verlässt, in dem er auf dem absteigenden Ast ist - oder einfach aus Zufall, weil die Liebe neu zuschlägt. Die Kombination ist es, die sich fatal auswirkt im Zusammenspiel mit den physikalischen Gesetzen sozialen Abstiegs in unserer Gesellschaft.

Wie geht es zu Ende?

Einmal in der Abwärtsspirale, werden die Verhältnisse unbarmherzig. Recht und Gesetze sind gnadenlos, man selbst verändert sich zum Schlechteren. Konsequenz: Die Freunde wenden sich ab.

Hätte dieses Leben gelingen können - oder ist es von Anfang an zum Scheitern verdammt?

Kann man einem 16-Jährigen vorhersagen, er werde eines Tages auf einer Parkbank erfroren enden - nur weil er das Abitur nicht hat? Das wäre scheußlich! Wer weiß, was alles im Leben hätte passieren können. Das Bild der erfolgreichen Freunde, denen er nicht gewachsen war, hat ihn womöglich erdrückt. Daran zerbrechen nicht wenige.

Das hat Jobst mit Charly gemein?

Bei Charly führt das Scheitern nicht in die materielle Katastrophe, sondern nur ins psychische Elend. Aber was heißt da „nur“? Für Charly ist das psychische Scheitern fast die größere Katastrophe.

Was stößt Charly zu?

Er erleidet einen metaphysischen Zusammenbruch mit Panik- und Angstattacken.

Wie muss man sich so etwas vorstellen?

Es widerfährt Charly etwas, was er zunächst überhaupt nicht versteht. Er fährt auf einer ganz normalen Geschäftsfahrt über die Hamburger Köhlbrandbrücke und erleidet eine Panikattacke. Er verkrampft, alle Schleusen im Körper öffnen sich. Er ist völlig unfähig, weiter über die Brücke zu fahren. Erst denkt er an Schlaganfall. Dann muss er erkennen, dass es eine psychische Attacke ist. Er spürt, dass er dagegen etwas unternehmen muss.

Kann ein Machertyp wie er in die Therapie gehen?

„Der Beruf ist das Feld, auf dem ein Leben sichtbar reüssiert oder scheitert“ sagt Michael Kleeberg,

Ja. Charly ist relativ materialistisch eingestellt, was Körper und Seele betrifft: Ein Defekt braucht Reparatur. Bei körperlichem Defekt kommt der Operateur. Bei seelischem Defekt kommt der Seelenklempner. Charly braucht das Versprechen einer Psychomechanik, die ihn wieder fit macht. Einen wie ihn interessiert nicht Aufklärung. Er will fit werden. Wenn eine Therapie dazu taugt, umso besser.

Was fördert die Therapie zutage?

Im Laufe der anderthalb Jahre erkennt Charly den eigentlichen Grund für seinen Aussetzer: Die Konkurrenz mit seinem besten Freund Kai, der ihn beruflich überholt hat. Das allein ist schon schwer zu ertragen. Das Entscheidende ist aber, dass der Freund den Erfolg in Charlys Augen auch verdient. Charly erkennt im Vergleich die Hallodrihaftigkeit des eigenen Lebens. Konfrontiert mit einem Leben, das in tiefer Ernsthaftigkeit gelebt wird, glaubt er zu erkennen, wie sehr er seine Lebenszeit vertan hat. Das ist der Kern der beruflichen und privaten Lebenskrise.

Warum nimmt Charly diese Erkenntnis so sehr mit? Er könnte doch sagen: Ich habe die tolleren Frauen gehabt und das aufregendere Leben?

In dieser Situation nützen ihm die tollen Frauen eben gar nichts. Im Gegenteil: Sie sind Indiz des Hallodritums.

Wird Charly gesund?

Die Zeit heilt alles, sogar die tiefsten Selbstzweifel. Selbst das eigene Elend kann einem irgendwann langweilig werden. Der Kindertraum, alles zu können, ist zusammengebrochen: Viele Menschen machen diese Erfahrung irgendwann im Leben.

Warum ist die Konkurrenz im Beruf so beinhart?

Weil für jemanden, der nicht an eine Religion oder eine politisch-gesellschaftliche Utopie glaubt, der Beruf - trotz aller Nebenschauplätze wie Kinder, Liebe und sexueller Erfolg - das Feld ist, auf dem ein Leben sichtbar reüssiert oder scheitert. Hier muss gewonnen werden, und die Anforderungen an jemanden, der gewinnen will, sind heute höher und anstrengender denn je. Es geht um viel mehr als ein materielles Auskommen. Es geht für jemanden wie Charly um die Frage: Hat sich mein Leben gelohnt? Für Charly war Kai der ideale Freund, weil er glaubte, die entscheidenden fünfzehn Prozent heller zu strahlen. Das macht so eine Freundschaft gemütlich. Der Hase kann ruhig schlafen, solange es nicht zu einem Wettlauf mit dem Igel kommt.

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