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Medizinische Berufe : Heilen allein reicht nicht mehr

Künstliche Befruchtung können sie, aber was ist mit Personalplanung oder Marketing? Bild: AP

Wer heute in einer Arztpraxis, einer Klinik oder für eine Krankenversicherung arbeitet, kommt oft ohne IT- und Managementkenntnisse nicht aus. Gezielte Qualifizierung ist gefragt.

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          Ob Radiologie, Mikrobiologie oder Dermatologie - für unzählige Fachgebiete muss Platz sein in den Studienordnungen für Medizin und Pharmazie. Wie aber eine Chefärztin ihre Personalplanung, ein Heilmittelhersteller seine Bilanz oder ein Ärztezentrum seine Marketingstrategie im Griff hält, davon ist an den medizinischen Fakultäten nur am Rand die Rede. Dabei werden Klinikketten und Gesundheitskonzerne längst an der Börse notiert, ist "Healthcare" ein Geschäft geworden wie viele andere auch. Heilen allein genügt im Berufsalltag nur noch in den seltensten Fällen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Einer der ersten Weiterbildungsanbieter in Deutschland, die sich auf den Brückenschlag zwischen kaufmännischer und medizinischer Kompetenz spezialisiert haben, war Anfang 1993 das Mibeg-Institut Medizin in Köln; die Ärztekammer Nordrhein gab damals den Anstoß dazu. Die auf neun Monate in Vollzeit angelegte Weiterbildung zum "Health Care Manager" für Juristen, Ökonomen und Mediziner wird nun schon zum 27. Mal durchgeführt. Den meisten Teilnehmern zahlt ihr Arbeitgeber die öffentlich geförderte Fortbildung, sonst wären 3950 Euro fällig.

          Wie presst man den MBA in den Jahresurlaub?

          Programme mit ähnlicher Stoßrichtung gibt es inzwischen auch an einer Reihe von Hochschulen. Die Universität Kiel etwa hat einen "Master of Hospital Management" eingerichtet, die Uni Hamburg einen "Masterstudiengang Gesundheitsmanagement". Ausdrücklich auf eine internationale Karriere vorbereiten soll der "Master of Business Administration in International Hospital and Healthcare Management", den die Frankfurt School of Finance and Management seit fünf Jahren anbietet. Derzeit sind 16 Teilnehmer für die zehn über anderthalb Jahre verteilten, je einwöchigen Unterrichtsmodule eingeschrieben. Eine Krankenhausdirektorin aus Nigeria ist darunter, berichtet die Programmleiterin Christiane Heiss, ein Entsandter des madegassischen Gesundheitsministeriums, aber auch mehrere Chefärzte und eine auf Medizinrecht spezialisierte Anwältin. "Wer einen deutschen Arbeitsvertrag hat, dürfte mit seinem Jahresurlaub gerade so hinkommen", beschreibt Heiss, wie Berufstätige den MBA in ihren Terminkalender bekommen können. Noch wichtiger als die Urlaubs- dürfte für viele aber die Gehaltssituation sein: Der Studiengang kostet 28.000 Euro, Reisekosten nach Indien, Irland, Österreich, Singapur und Dubai nicht eingeschlossen. Denn nur drei der Studienphasen finden in Frankfurt statt, in den anderen werden Gesundheitssysteme und Kliniken rund um den Globus studiert - die "Benchmarks" auf dem Markt, sagt Heiss.

          Zauberwort „e-health“

          Neben kaufmännischen Qualifikationen sind auch IT-Kenntnisse im Gesundheitswesen zunehmend gefragt: "e-health" heißt das Zauberwort. Nach der Einführung der Krankenversicherungskarte Mitte der neunziger Jahre steht nun die nächste Revolution an: die elektronische Gesundheitskarte für rund 70 Millionen Bundesbürger. Im ersten Halbjahr des kommenden Jahres sollen die Versicherten in der Region Nordrhein die Karten mit den Mikroprozessoren erhalten, heißt es von der Gematik, einer eigens zur Einführung der Karte vom Bund geschaffenen Einrichtung. Der Rest der Republik soll folgen. Wird die neue Karte zunächst noch in einer abgespeckten Grundversion eingeführt, ist später ein schrittweiser Ausbau vorgesehen. Die - politisch umstrittene - elektronische Patientenakte könnte sämtliche Informationen von Impfungen bis zu Allergien und Operationen beinhalten. Doch dafür müssen zunächst die technischen Voraussetzungen geschaffen werden in Praxen und Kliniken. Derzeit werden Kartenlese-Terminals installiert. "Die Vernetzung der Akteure nimmt einen immer größeren Stellenwert ein", sagt ein Gematik-Sprecher.

          Benötigt werden dafür Spezialisten an der Schnittstelle beider Welten: medizinische Informatiker. Doch die Branche tut sich schwer, qualifizierte Leute zu finden, wie Carl Dujat berichtet, der Vorsitzende des Berufsverbandes Medizinischer Informatiker. Die klassischen Ausbildungszentren sind die Hochschulen in Heidelberg/Heilbronn und Braunschweig/Hannover. Doch die können den steigenden Bedarf kaum noch bedienen. Häufig herrschen noch sogenannte "Insellösungen" vor; das bedeutet, dass Kliniken und Praxen jeweils eigene Softwares haben, was schnelle Datenabgleiche oder -transfers zwischen den Akteuren erschwert. Wenn die neue Technologie installiert ist, werden die Anforderungen an die Nutzung und Wartung steigen. Ohne Profis in den IT-Abteilungen wird es dann nicht mehr gehen, davon ist Dujat überzeugt. "Mit einem umgeschulten Gärtner ist es dann nicht mehr getan."

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