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„Manager ohne Grenzen“ : Raus in die Welt

Thomas Hiebaum arbeitete für eine kleine Straßenbaufirma in Liberia Bild: privat

Betriebswirte sind Egoisten? Nicht immer. Ähnlich wie Ärzte in Entwicklungsländern helfen, tragen nun auch Manager ihre Kompetenzen in die Ferne.

          6 Min.

          Was macht man, wenn man als Manager aussteigen und die Welt verbessern will? Brunnen bohren in Afrika? Lebensmittel in indischen Slums verteilen? Schulen bauen, wo es noch keine gibt? All das, so hatte Helene Prölß Anfang der Nullerjahre das Gefühl, können andere besser. Ihr Betriebswirtschaftsstudium hatte sie 1976 in Stuttgart abgeschlossen, danach im Marketing gearbeitet und sich 1982 mit einer Werbeagentur selbständig gemacht. Nebenbei zog sie vier Kinder groß. 20 Jahre funktionierte das gut, dann geriet Prölß in „die typische Lebenskrise Anfang 50“, wie sie sagt. „Ich wollte etwas machen, das Menschen hilft.“ Sie stieg aus der Werbeagentur aus und fragte bei Nichtregierungsorganisationen (NGO) an, Ärzte ohne Grenzen zum Beispiel. „Die wollten aber nur Ärzte. Ich habe gedacht: Es kann doch nicht sein, dass ich nicht gebraucht werde.“

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Gleichzeitig wurde ihr klar, was sie nicht wollte: „Reines Spendenüberweisen, damit füttert man Abhängigkeiten.“ Sie fand einen anderen Ansatz: „Viele NGOs hatten in Entwicklungsländern kleinere Werkstätten aufgebaut, aber keine Ahnung von Planung, Kalkulation und Vertrieb. Da konnte ich helfen.“ Im Jahr 2005 startete Prölß „Manager ohne Grenzen“ als persönliches Projekt, 2009 gründete sie in Stuttgart die gleichnamige gemeinnützige Stiftung. „Die NGOs haben uns die Türen eingerannt“, sagt sie. Es war nur der Anfang. Seit fünf Jahren hilft Prölß vor allem jungen, motivierten Unternehmern in Entwicklungsländern – mit Führungskräften aus Deutschland. Etwa 250 Manager hat die Stiftung schon zu rund 200 Unternehmen in 30 Ländern geschickt, die meisten waren in Afrika.

          Die Betriebe sind in der Landwirtschaft oder der Energiebranche tätig, es sind aber auch Händler, Handwerksbetriebe oder Start-ups dabei. „Wir wollen Gründer soweit bringen, dass sie ihre Familie ernähren können und zehn Angestellte haben, die auch ihre Familien versorgen“, sagt Prölß. „Wir müssen Entwicklungshilfe neu denken: Mit dem Aufbau eines gesunden Mittelstandes kann man Armut bekämpfen, gleichzeitig wird die Voraussetzung geschaffen, dass große Unternehmen investieren und die Wirtschaft in Fahrt kommt.“ Aber wie kommt sie an Unternehmer, denen man helfen kann? „Sie müssen uns finden. Wir gehen nirgendwohin und sagen: Wir erklären euch mal, wie das richtig gemacht wird.“ Stattdessen wird das Geschäftsmodell der Betriebe, die sich bewerben, geprüft – auch danach, in welchem Bereich Hilfe nötig ist. „Dann suche ich einen passenden Manager“, sagt Prölß. „Das ist am schwierigsten.“

          Helene Prölß 2017 bei einem Einsatz für ihre Stiftung „Manager ohne Grenzen“ in Tansania.

          Strom aus dem Generator

          Im Idealfall finden Manager die Stiftung von ganz allein – weil sie dasselbe Gefühl antreibt wie Helene Prölß. So war es bei dem Österreicher Thomas Hiebaum. Der heute 42 Jahre alte Wirtschaftswissenschaftler hatte Karriere bei dem Automobilzulieferer Hella gemacht. Hiebaum arbeitete in China, führte ein Werk in Österreich und war schließlich fünf Jahre lang „Group Vice President“ direkt unter dem Vorstand. 2017 bekam er einen neuen Chef. „Einen McKinsey-Mann, das funktionierte nicht, es gab Knatsch. Ich habe um einen Auflösungsvertrag gebeten und wollte erst mal Dinge machen, die mir am Herzen liegen.“ Mit einer Freundin, die bei der UNO arbeitete, sprach er darüber, dass er gern in Entwicklungsländern helfen würde. „Sie hat gesagt: Es bringt nichts, wenn du in irgendeinem Spital Spritzen verteilst, such’ dir lieber etwas, bei dem dir deine Fähigkeiten helfen.“ Also machte er sich kundig und stieß auf „Manager ohne Grenzen“. Er besuchte das zweitägige Intensivseminar in Stuttgart, das obligatorisch für eine Teilnahme an dem Programm ist.

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