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Manager im Ruhestand : Besser Berater als nichts

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Vielen Managern fällt der Abschied von der Macht schwer. Statt ihren Ruhestand zu genießen, arbeiten sie als Berater weiter - eine Art Altersteilzeit für Vorstandschefs.

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          Er könnte jetzt noch im Bett liegen oder gemütlich am Frühstückstisch sitzen, er könnte auch auf dem Golfplatz stehen an diesem sonnigen Herbstmorgen und seinen Ruhestand genießen. Doch Hartmut Mehdorn, 68 Jahre alt, steht nicht der Sinn danach. Lieber sitzt der Ex-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn in seinem Büro im schicken Frankfurter Westend, einer lichtdurchfluteten Altbau-Etage mit knarrendem Parkett und modernen Büromöbeln. Auf den ersten Blick hat sich kaum etwas verändert im Vergleich zu früher. Mehdorn trägt Anzug und Krawatte, das Handy liegt griffbereit neben ihm, ebenso eine Mappe mit einem Vortrag, den er bei einem Kongress in Ljubljana halten wird. Was neu ist: dieses entspannte Grinsen. „Wissen Sie, was das Tolle ist?“, frohlockt er. „Ich mache nur noch, was mir Spaß macht.“

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Mehdorn ist jetzt Berater. Er hilft mittelständischen Maschinenbauern, wenn es Schwierigkeiten bei der Übergabe an die nächste Generation gibt. Oder arabischen Investoren, die sich für den Schienenverkehr in Afrika interessieren. Er müsste das alles nicht tun, er hat genug Geld auf dem Bankkonto. Es ist mehr eine Frage der Anerkennung. „Ich kann noch etwas gestalten, Erfahrungen weitergeben. Man hat ja so einiges erlebt im Lauf der Jahre.“ Es ist auch eine Frage der Gewohnheit. Er könne sich nicht vorstellen, zu Hause zu sitzen, gibt Mehdorn freimütig zu. „Das ist wie bei einem Spitzensportler, der muss auch langsam abtrainieren.“ Um seine Flugtickets kümmert sich Mehdorn heute selbst, um den Kaffee für Gäste ebenso. Dafür ist er ein freier Mann. Nicht mehr im Halbstundentakt mit Besprechungen und Telefonaten verplant, nicht mehr in die Machtkämpfe eines Konzerns verwickelt. Da ist es wieder, dieses Grinsen.

          Zu jung zum Aufhören, zu alt für eine neue Vorstandsposition

          Was machen Manager, wenn sie nach vielen Jahren an der Spitze eines großen Unternehmens ihren Hut nehmen? Wenn die 70-Stunden-Wochen der Vergangenheit angehören, all die Vorstandssitzungen, Dienstreisen und Kaminabende? Zu jung zum Aufhören, zu alt für eine neue Vorstandsposition. Viele entscheiden sich wie Mehdorn für den langsamen Entzug von der Macht, für die Beratertätigkeit. Sie werden Berater für Mittelstandsfinanzierung, Berater für Sicherheitsfragen, Berater für internationale Angelegenheiten. Berater zu werden ist zu einer Art Altersteilzeit in diesen Kreisen geworden.

          „Wer jahrelang Macht hatte, kann nicht von einem Tag auf den anderen davon lassen“, erklärt Michael Hartmann von der TU Darmstadt. „Als Berater kann man noch etwas beeinflussen, ist aber gleichzeitig flexibel und unabhängig.“ Manchmal sei auch das Geld ein Grund, vermutet der Soziologe, vor allem für die Jüngeren. „Natürlich haben sie, gemessen an den allgemeinen Maßstäben, genug zum Leben.“ Aber in Managerkreisen gelten andere Maßstäbe. Die einstigen Führungskräfte aus der Wirtschaft - und nicht zuletzt ihre Frauen und Kinder - haben sich im Laufe der Jahre an einen Lebensstil gewöhnt, der sich manchmal selbst mit einer Millionenabfindung nicht so lange halten lässt, bis die Pensionszahlungen einsetzen. „In solchen Fällen hat die Beratertätigkeit durchaus auch einen finanziellen Grund.“ In den meisten Fällen aber, sagt Hartmann, gehe es nicht ums Geld, sondern ums Gefühl. Das Gefühl, gebraucht zu werden.

          Wichtige Erfahrungen aus dem Innenleben der Unternehmen

          So kommt es, dass die Liste der Senior-Berater immer länger wird. Weil es sich zusammen netter arbeitet als alleine, sind in die Räume neben Hartmut Mehdorn zwei alte Weggefährten eingezogen: Diethelm Sack, Ex-Finanzvorstand der Bahn, und Herbert Walter, Ex-Vorstandsvorsitzender der Dresdner Bank. Carsten Maschmeyer, langjähriger Chef des Finanzvertriebs AWD, ist heute Chef der Maschmeyer Rürup AG, einer „Independent International Consultancy“, die er gemeinsam mit Bert Rürup, dem einstigen Vorsitzenden des Sachverständigenrats, gegründet hat. Auch Wolfgang Schaupensteiner, Ex-Korruptionsbekämpfer der Deutschen Bahn, hat sich selbständig gemacht, als „Schaupensteiner Corporate Risk & Compliance Consulting“. Der ehemalige Siemens-Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer: Chef der Pierer Consulting GmbH. Der frühere Siemens-Personalchef Jürgen Radomski: Chef der Radomski Consulting GmbH.

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