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Simone Menne im Gespräch : „Frauen, hört auf zu jammern!“

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Simone Menne (Jahrgang 1960) ist seit 2012 Finanzvorstand bei der Lufthansa. Früher einmal wollte sie Künstlerin werden. Bild: Frank Röth

Die Lufthansa-Finanzchefin Simone Menne macht keinen Hehl aus ihren Ambitionen. Sie will Vorstandsvorsitzende eines Dax-Konzerns werden. Bisher hat das noch keine Frau geschafft.

          3 Min.

          Frau Menne, wann bekommt der erste deutsche Großkonzern eine Chefin?

          2017 würde ich tippen.

          So schnell?

          Finden Sie das schnell? In den meisten Ländern Europas und in Amerika ist eine Konzernchefin doch längst nichts Besonderes mehr. Auch in Deutschland gibt es genug Frauen, die das können. Mir fallen viele Kandidatinnen ein.

          Mit Ihnen als Kandidatin Nummer eins: Sie sind der einzige weibliche Finanzvorstand in einem Dax-Konzern.

          Nein, ich bin bei weitem nicht die einzige Kandidatin.

          Aber Sie möchten Vorstandsvorsitzende werden?

          Natürlich traue ich mir die Position als CEO zu, es geht dabei gar nicht um meine Person. Ich habe einen tollen Job, arbeite in einem phantastischen Unternehmen, und wir haben mit Carsten Spohr genau den richtigen CEO für die Lufthansa. Mir geht es um eine hierzulande längst überfällige Veränderung im Denken. In der Politik ist es selbstverständlich, dass Frauen Spitzenpositionen besetzen. In der Wirtschaft ist das leider immer noch anders.

          Woran liegt es, dass es noch keine Frau nach ganz oben im Dax geschafft hat? Haben die Männer sich verschworen, oder wer hat die „gläserne Decke“ eingezogen?

          An Verschwörungstheorien glaube ich nicht. Vielleicht braucht es schlicht eine gewisse Zeit, bis eine nennenswerte Zahl von Frauen in die Nähe von Vorstandspositionen vordringt.

          Würde eine Quote das beschleunigen?

          Bei dem Thema bin ich hin- und hergerissen. Auf der einen Seite bin ich kein Freund von Quoten. Auf der anderen Seite hat die Quote in der Politik für einen raschen Kulturwandel gesorgt. Heute wird überhaupt nicht mehr über das Geschlecht eines Politikers gesprochen, sondern ausschließlich über seine Qualitäten. Da müssen wir auch in der Wirtschaft hinkommen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Ich finde es gut, in den Aufsichtsräten mit der Quote zu beginnen. Gegenüber einer Quote für Vorstände bin ich skeptisch.

          Wo wären Sie gerne CEO?

          Es gibt viele schöne Unternehmen in Deutschland, ich kann mir einige vorstellen.

          Müssen Frauen fürchten, dass offen vorgetragener Ehrgeiz schadet? Ein Mann profiliert sich als durchsetzungsstarker Macher, eine Frau wird zur „Karrierezicke“?

          Gerade diese Stereotype weisen darauf hin, dass wir uns hier noch weiterentwickeln müssen. In Wirklichkeit sind Frauen, was ihren Karrierewillen angeht, nicht anders als Männer. Das ist unabhängig vom Geschlecht.

          Die vielbesungene Frauensolidarität ist ein Mythos?

          Genau. Frauen sind untereinander nicht solidarischer als Männer. Egal, was die Studien raten, wie eine Frau sein sollte, wenn sie Karriere machen will - eines ist sicher: Für Mann oder Frau gelten dieselben Regeln. Sie müssen härter und besser arbeiten als andere, wenn sie aufsteigen wollen. Und sie müssen auch mal bereit sein, sich unbeliebt zu machen.

          Welches Kalkül steckt dahinter, wenn Sie so offensiv Ihre CEO-Ambitionen vortragen?

          Ich möchte gerne den notwendigen Wandel vorantreiben. Und wie soll eine Veränderung gelingen, wenn niemand sich dazu bekennt? Komischerweise werden Männer gar nicht erst nach ihren Ambitionen gefragt.

          Doch, doch - nur wird in den Antworten viel gelogen: Nie haben die Herren sich nach was gedrängt, immer kam das Amt irgendwie auf sie zu...

          Sehen Sie! Da sage ich doch lieber gleich: Ja, CEO ist auch ein interessanter Job.

          Damit folgen Sie der Strategie von Sheryl Sandberg: Hängt euch rein, rät die Facebook-Managerin, Frauen, meldet eure Ansprüche an.

          Das unterschreibe ich sofort. Frauen, hört auf zu jammern! Strengt euch an, zeigt euer Können und seid bereit zu gewissen Opfern. Dann schafft ihr es auch.

          Etliche Frauen in Dax-Vorständen sind schnell wieder gescheitert - und haben damit erst recht Munition für die Quotengegner geliefert.

          Völlig richtig. Es ist falsch, Frauen oder Männer zu früh auf Top-Positionen zu hieven. Damit tut man niemandem einen Gefallen.

          Sie sagen: Jede Karriere fordert ihren Preis. Gehört dazu der Verzicht auf Familie wie bei Ihnen?

          Sie können Familie haben, aber nicht das gleiche Familienleben wie jemand, der acht Stunden am Tag arbeitet. Als Vorstand müssen sie Zugeständnisse machen, auch im Privatleben. Das ist so. Ich finde das nicht dramatisch, meine Kollegen auch nicht. Sonst würden wir es nicht machen. Es wird niemand in einen Vorstand gezwungen.

          Woher rührt Ihr unbändiger Ehrgeiz? Nach der Schule hatten Sie Künstlerin werden wollen, nicht Managerin.

          Auch als Künstlerin hätte ich den Anspruch gehabt, es nach oben zu schaffen, im Moma auszustellen. Gewiss war es mein Ziel damals nicht, eines Tages Finanzvorstand zu werden. Mein Ziel bestand immer darin, eine Sache gut zu machen - und dann finden Sie halt Geschmack am Aufstieg, denken bei jeder Stufe: Warum nicht noch eine höher?

          Haben Sie einen Coach, der Ihnen in Fragen von Karriere und Führung hilft?

          Ja, seitdem ich Vorstand bin. Am Anfang habe ich mich jeden Monat beraten lassen, jetzt nicht mehr so oft - vielleicht jedes Vierteljahr.

          Hatten Sie je das Gefühl, dass das Argument einer Frau weniger zählt?

          Nein, nie. Das wäre ja verrückt. Wahrscheinlich wird der Ratschlag einer Frau sogar eher angenommen. Rein unter Männern wird es mitunter schneller aggressiv, ein junger Mann muss eher mit Abwehrreaktionen rechnen, so in der Art: Was will der junge Schnösel mir da sagen? Einer Frau ist man eher bereit zu folgen: Ja, da hat sie einen Punkt.

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