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Häufige Ausbildungsberufe : Frauen werden Sekretärin, Männer schrauben an Autos

Sogar bei Männern überraschend beliebt: der Einzelhandel. Bild: dpa

Was wollen Jugendliche werden? Neue Zahlen zu Lehrberufen zeigen, ob die Klischees noch stimmen. Ist der Einzelhandel dröge? Bleiben Frauen und Männer in ihren Rollen? Und was hat das mit der Bezahlung zu tun?

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          Bei Rewe Regale befüllen, bei Aldi an der Kasse sitzen oder bei H&M Kunden beim Hosenanprobieren beraten: Das klingt auf den ersten Blick nicht nach dem großen Karriereglück. Doch neueste Zahlen überraschen diejenigen, die den Einzelhandel als dröge oder langweilig abstempeln: Kaufmann oder Kauffrau im Einzelhandel ist nämlich der beliebteste Ausbildungsgang von Jugendlichen. Im vergangenen Jahr war er mit rund 31.000 neu abgeschlossenen Verträgen der häufigste Lehrberuf in Deutschland, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilte. Darauf folgten Bürokaufleute, Verkäufer, Kraftfahrzeugmechatroniker und Industriekaufleute.

          Im Jahr 2014 schlossen insgesamt rund 518.400 Jugendliche einen neuen Ausbildungsvertrag ab und damit 1,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Insgesamt entscheiden sich schon seit Jahren mehr Männer als Frauen für den Abschluss eines Lehrvertrages. Mehr als ein Fünftel der neu abgeschlossenen Verträge entfiel auf die fünf häufigsten Ausbildungsberufe.

          Die Statistik zeigt auch: Es ist durchaus etwas dran an der Vermutung, dass Frauen noch immer eher Sekretärinnen werden und Männer lieber an Autos herum schrauben: Bei den neuen Lehrverträgen lag bei weiblichen Jugendlichen der Beruf Kauffrau für Büromanagement auf Rang eins, die männlichen Jugendlichen entschieden am häufigsten für den Beruf des Kraftfahrzeugmechatronikers.

          Dabei tun die Arbeitgeber in der Industrie viel dafür, mehr Mädchen für Technikberufe zu begeistern - unter anderem, weil in diesen Berufsfeldern oft Mitarbeiter sehr gesucht sind. Doch der Erfolg von „Girls Day“ und anderen derartigen Initiativen lässt auf sich warten. Das ist auch mit Blick auf die Bezahlung von Frauen schlecht. Der durchschnittliche Stundenlohn erwerbstätiger Frauen ist um 22 Prozent niedriger als der durchschnittliche Stundenlohn erwerbstätiger Männer. Wahr ist aber auch: Große Teile dieser Unterschiede in der Vergütung erklären sich durch die Berufs- und Branchenwahl. Oder anders gesagt: Um eine bessere Bezahlung zu bekommen, müssten Frauen eigentlich häufiger in Männerberufen arbeiten.

          Dass sie das häufig nicht tun, hängt wohl in Teilen auch mit noch immer festsitzenden Rollenvorstellungen zusammen, vor allem unter Männern. Vor etwa einem Jahr gab es eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov, die zeigte, dass fast jeder dritte Mann (31 Prozent) der Meinung ist, dass es nicht mehr Frauen in klassischen Männerberufen geben sollte. Weitere 22 Prozent sind unentschieden. Die weiblichen Befragten sahen das etwas anders: Demnach sind 62 Prozent dafür, dass mehr Frauen in Männerdomänen vordringen. Aber auch unter den Frauen verneinten das 19 Prozent oder waren sich unsicher.

          Nur in einigen wenigen Berufsfeldern tut sich etwas in im Bereich der Geschlechteraufteilung; doch das betrifft nicht die Lehrberufe, sondern Akademikerkarrieren. War etwa der – im übrigen gut bezahlte – Arztberuf in der Vergangenheit noch immer eine klare Männerdomäne, so dreht sich die Humanmedizin mittlerweile in Richtung Frauenberuf. Studierten im Jahr 2012 nur rund vier Prozent der männlichen Studenten Medizin und Gesundheitswissenschaften, waren es im selben Jahr neun Prozent der weiblichen Studenten.

          Auch in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften tut sich etwas: Über lange Jahre von männlichen Studenten dominiert, war der Frauen- und Männeranteil im Jahr 2012 zum ersten Mal gleich hoch. Es gibt aber auch in der akademischen Welt Fächergruppen, in denen sich noch nicht allzu viel bewegt hat. Ingenieurwissenschaften etwa studieren nach wie vor hauptsächlich die Männer.

          Übrigens: Entscheiden sich Schulabgänger, die eigentlich auch studieren gehen könnten, für einen Lehrberuf, entscheiden sie anders als Jugendliche mit einem niedrigeren Schulabschluss. Jugendliche mit Hochschulzugangsberechtigung wollen der neuen Statistik zufolge häufig etwas Kaufmännisches lernen: Vor allem wollten sie im Jahr 2014 Industriekaufleute, Kaufleute für Büromanagement und Bankkaufleute werden.

          Jugendliche ohne einen Hauptschulabschluss entschieden dagegen öfter für Laufbahnen als Verkäufer oder Einzelhandelskaufleute. Allerdings machen mittlerweile nur noch sehr wenige junge Menschen ohne Hauptschulabschluss überhaupt eine Lehre: Der Anteil Jugendlicher mit neu abgeschlossenem Ausbildungsvertrag ohne Hauptschulabschluss betrug nur 2,9 Prozent. Dagegen haben 26 Prozent der Neu-Lehrlinge eine Hochschulzugangsberechtigung, könnten also alternativ auch an die Uni oder FH gehen.

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