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Legastheniker : Für dumm verkauft

  • -Aktualisiert am

Hat mit Dummheit nichts zu tun: Legasthenie Bild: Frank Röth

Wer nicht richtig lesen und schreiben kann, gilt als geborener Versager. Dabei sind Legastheniker oft hochintelligent und schaffen es im Beruf weit nach oben.

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          Wenn es nach einigen Lehrern gegangen wäre, dann wäre Tiemo Grimm jetzt Gärtner. Oder er hätte irgendeinen anderen Beruf, in dem er nicht weiter auffällt. Als große Leuchte galt er in der Schule jedenfalls nicht, auch wenn einige Lehrer versuchten, ihn nach Kräften zu fördern. Oder besser ausgedrückt, und man muss es so herum formulieren: Er war zwar in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern ausgesprochen gut, in Sprachen dagegen miserabel schlecht, vor allem auch in Deutsch. Er sei eben „einseitig begabt“, so nannten seine Lehrer das schon in der Grundschule. Er hörte damals vor allem das Wort begabt heraus, vermutlich gelingt das aber nicht jedem Neunjährigen in seiner Situation. Viele andere Kinder empfinden das Urteil als vernichtend. Die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium jedenfalls bestand Grimm nicht, er kam auf die Hauptschule. Das hätte sein Schicksal besiegeln können. Bei vielen seiner Leidensgenossen ist es auch so: Sie gehen auf die Hauptschule - und damit ist ihre Geschichte an dieser Stelle zu Ende. Tiemo Grimms Geschichte fängt hier gerade erst an.

          Denn er wusste: „In mir steckt mehr“, und das wollte er auch beweisen. Was dabei herausgekommen ist? Heute ist Grimm ein geachteter Humangenetiker und Spezialist für erbliche Muskelkrankheiten und Biostatistik. Inzwischen ist er 71 Jahre alt, Professor der Universität Würzburg und noch immer in seinem Forschungsfeld aktiv. Denn seine große Leidenschaft gilt der genetischen Entschlüsselung der Legasthenie, der Lese- und Rechtschreibstörung. Grimm versucht zu ergründen, unter welchen Bedingungen sie vererbbar ist. Denn erst viele Jahre nach seiner Schulzeit verstand er selbst, was es mit seiner „einseitigen Begabung“ auf sich hat.

          Es war in dem Moment, als drei seiner Kinder in der Schule vor den gleichen Problemen standen wie er damals - und die gleichen Antworten bekamen: Sie seien eben zu faul oder zu begriffsstutzig. „Auch ein Professor muss damit leben können, ein dummes Kind zu haben“, sagte ein Grundschulleiter. Das brachte Grimm in Rage. Genauso wenig wie sich selbst damals wollte er seine Kinder auf eine Sonderschule abschieben lassen. Zumal er herausgefunden hatte, dass auch sein Bruder, sein Vater und sein Großvater sich mit dem Schreib- und Leseproblem herumgeschlagen hatten. Das war der Moment, in dem ihm als Mediziner klar war: Ich muss das erforschen!

          Rund vier Prozent der Bevölkerung leiden unter Legasthenie

          Legasthenie ist nämlich bei weitem keine seltene Krankheit, rund vier Prozent der Bevölkerung leiden an ihr. Und man sollte anfangen, es auch eine Krankheit, eine Behinderung oder Störung zu nennen, so finden die Verbände der Betroffenen. Es geht nämlich darum, dass mehr Menschen verstehen, was Legasthenie überhaupt ist, woher sie kommt und wie man besser damit umgeht. Nur das kann das Leiden der Legastheniker in Zukunft deutlich lindern. Denn es ist vor allem die Vorverurteilung derjenigen mit Lese- und Schreibstörung, die ihnen schon im Kindesalter das Leben zur Hölle macht: „Wenn jemand schlecht in Mathe ist, wird das akzeptiert“, sagt Grimm, „aber ist jemand schlecht in Deutsch, halten ihn alle für dumm, weil jeder denkt: Das kann nicht sein, das ist doch seine Muttersprache.“

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