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Lebenspläne : Wenn aus Freizeit Ernst wird

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Auf der Suche nach beruflicher Erfüllung entscheiden sich viele Arbeitnehmer dafür, mit ihrem Hobby Geld zu verdienen - als Schriftsteller, Musiker, Inhaber eines Yogastudios. Doch damit fangen die Probleme oft erst an.

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          Nie hätte Vilas Turske damit gerechnet, dass ihm ein Unfall passieren würde wie der, als er vor sechs Jahren eines Morgens aus seinem Auto stieg. "Ich machte eine ungeschickte Bewegung und plötzlich war da dieser unglaubliche Schmerz, unter dem ich nur noch zusammenbrechen konnte", erzählt der damalige Unternehmensberater. Was sich dramatisch anhört, wurde noch schlimmer. Ein Nerv war so schwer beschädigt, dass sein linkes Bein gelähmt wurde. In seiner Verzweiflung entdeckte Turske Yoga für sich. Nach acht Monaten geschah das Wunder: Erst bewegte sich ein Zeh, dann der zweite, und nach einem Jahr konnte er wieder normal gehen.

          Der heute 58-Jährige begann, in jeder freien Minute Yoga zu praktizieren. Das Hobby veränderte seinen Blick auf seine Tätigkeit als Unternehmensberater, bis er beides immer weniger vereinbaren konnte. 2004 stieg er aus dem Beratungsgeschäft aus und gründete mit seiner Frau und einem weiteren Geschäftspartner ein Yogastudio in Berlin. Inzwischen ist es eines der beliebtesten in der Hauptstadt.

          Ein Leben, das immer mehr Menschen suchen

          Turske führt ein Leben, das immer mehr Menschen suchen. Laut dem Statistischen Bundesamt und dem Institut für Freie Berufe in Nürnberg steigt die Zahl der Personen kontinuierlich an, die in freien publizistischen und künstlerischen Berufen arbeiten. "Immer weniger Menschen wollen Selbstverwirklichung nur auf den Feierabend und die Rente verschieben", erklärt Monika Birkner, Karriere- und Persönlichkeitsberaterin in Frankfurt, diesen Zuwachs. Gerade im Hobby entdeckten viele ihre wirklichen Talente und Bedürfnisse, weil sie sich hier aus einem inneren Antrieb heraus mit einer Sache beschäftigten.

          Doch die Suche nach Erfüllung im Beruf macht viele nicht unbedingt glücklicher, im Gegenteil: Bei manchen resultiert dieses Streben in einer inneren Zerrissenheit. Vor allem wenn sie sich nicht zwischen Hobby und Beruf entscheiden können. Sie spüren, dass im Beruf etwas Elementares fehlt, haben aber Angst, dass sich der Lebensunterhalt mit dem Hobby nicht finanzieren lässt.

          "Ich wollte wissen, wovon ich meine Familie ernähren kann", erzählt ein Unternehmensberater, der nicht namentlich genannt werden möchte. Seine Leidenschaft lag seit seiner Jugend bei der Musik, mit 13 Jahren fing der Schleswig-Holsteiner an, E-Bass zu lernen, mit 19 Jahren Kontrabass. Talentiert war er, bald spielte er in verschiedenen Jazzorchestern bis auf Bundesebene mit. Auch sein Wirtschaftsstudium finanzierte er durch die Musik. Doch entschließen konnte er sich für die Musikerkarriere nicht. Vor allem die finanziellen Unsicherheiten der Profimusiker schreckten ihn ab. Jetzt arbeitet der Norddeutsche bei einer großen Unternehmensberatung als Projektleiter mit Führungs- und Budgetverantwortung. Die Tätigkeit falle ihm leicht und sei intellektuell und menschlich reizvoll, sagt er. Trotzdem bleiben die Zweifel. Inzwischen versucht er seine 80-Stunden-Woche etwas zu reduzieren und den Bass häufiger wieder auszupacken. "Irgendwie unterdrückt man eine Seite von sich. Gesund ist das auf Dauer auch nicht", sagt er.

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