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Fünf-Stunden-Tag : „Hier muss keiner den Stuhl warmhalten“

Lasse Rheingans Bild: Digital Enabler

Unternehmer Lasse Rheingans will mit seinem Konzept für einen Fünf-Stunden-Tag die Welt retten. Ist das nicht ein wenig zu hoch gegriffen?

          3 Min.

          Herr Rheingans, Finnland sorgte jüngst mit dem angeblichen Plan für Schlagzeilen, das Land wolle eine Vier-Tage-Woche und Sechs-Stunden-Arbeitstage einführen. Die Nachricht stimmte zwar nicht, hat aber die halbe Welt elektrisiert. Wie konnte das passieren?

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Es gibt ein riesiges Interesse an solchen Arbeitszeitmodellen. Ganz viele Arbeitnehmer denken: „Das ist ja super!“ Arbeitgeber sehen das meist anders. Die denken immer gleich, es will ihnen jemand die Butter vom Brot nehmen.

          Sie haben schon einen Fünf-Stunden-Tag in Ihrem Unternehmen. Fühlen Sie sich von der Debatte bestätigt?

          Ich hatte letzte Woche eher schlechte Laune deshalb. Mich nervt einfach, wenn neue Ideen kommen, gehen viele in diese Abwehrhaltung: „Oh Gott, wie kann man so etwas machen, es ist doch alles toll, wie es jetzt ist.“ Was dabei vergessen oder ignoriert wird: Die Lage ist gar nicht so toll. Menschen sind überarbeitet und unzufrieden, Innovationen bleiben aus, zumindest in Deutschland. Mein spontaner Impuls war: Es sollten doch einfach alle kürzer arbeiten, so wie wir es tun, und man könnte so ein Stück weit die Welt retten.

          Ist „die Welt retten“ nicht ein bisschen hoch gegriffen?

          Kann sein. Aber unser Fünf-Stunden-Tag hat wirklich viele Vorteile. Erst mal das Thema Chancengleichheit: Dass plötzlich auch alleinerziehende Elternteile Vollzeit einen guten Job machen könnten, während ihre Kinder in einer Vormittagsbetreuung sind. Ich glaube, gesündere Beziehungen resultieren daraus, mit dem Partner, der Familie, den Kindern, beruflich und auch zu sich selbst. Das Thema „persönliches Glück“ kommt in vielen Diskussionen zu kurz. Es gibt neurowissenschaftliche Studien, die zeigen: Wer im Kampf- oder Fluchtmodus ist, leistet 40 Prozent weniger als in einer sicheren Umgebung und mit zufriedenem Gefühl. Kampf und Flucht sind aber der Standard in den meisten Unternehmen.

          Viele Arbeitslose in vielen Teilen der zu rettenden Welt würden sich über einen Acht-Stunden-Tag freuen. Die hätten gerne mehr Stress.

          Natürlich hört sich das nach einem Elitenproblem an. Aber: Jeder Job ist von Digitalisierung betroffen. Nehmen wir den Fließbandarbeiter: Da stehen plötzlich automatisierte Produktionsstraßen. Wenn man sich diese Giga-Factory von Tesla anguckt, dann steht da kein Mensch mehr. Oder vielleicht ein Mensch, aber nicht mehr 1000. Es gibt Putzroboter, oder Roboter, die Mauern bauen. Man kann überall mit Technologie Jobs entfernen.

          Und übrig bleiben nur noch die Wissensarbeiter, deren Stellen für verkürzte Arbeitstage geeignet sind?

          Genau. Nehmen wir die Jobs in dieser Giga-Factory. Das sind alles Menschen, die müssen kontrollieren, überprüfen und verbessern: anspruchsvolle, kognitiv belastende Tätigkeiten.

          Bei Pflegekräften in Schweden ist ein Experiment mit verkürzten Tagen schon mal gehörig schiefgegangen!

          Ja, es betrifft sicherlich nicht diejenigen, die Lohnarbeit in Stunden gemessen leisten. Manche Tätigkeiten kann man nicht beschleunigen. Nur die Jobs, wo man mit seinem Kopf lösungsorientiert arbeiten muss: Da lässt sich in weniger Zeit mehr schaffen. An so einem Acht-Stunden-Bürotag arbeitet man ja gar nicht acht Stunden produktiv. Das ist eine Utopie. Aber auch in der Pflegebranche hat an zu vielen Stellen noch zu wenig, Technologie Einzug gehalten oder veraltete Prozesse führen dazu, dass viele Dinge viel länger dauern als eigentlich notwendig.

          Braucht der Kopf, um kreativ zu sein, nicht auch unproduktive Phasen, in denen man in der Kaffeeküche quatscht? Immer nur produktiv zu sein, ist doch stressig! Ihr amerikanisches Vorbild Stephan Aarstol ist deshalb zurückgerudert und praktiziert seinen Fünf-Stunden-Tag nur noch im Sommer.

          Mag sein. Wenn man sich die Produktivitätskurven der letzten Jahre anguckt, sieht man auch: Arbeit verdichtet sich, auch ohne Fünf-Stunden-Tage. Stephan Aarstol hat zusätzlich noch das Argument gebracht: Die Bindung zum Unternehmen kann leiden. Man verliert da manche Leute. Natürlich ist der Fünf-Stunden-Tag nicht der heilige Gral. Aber: Wir müssen mal grundsätzlich auf das Konzept „Arbeit als Stundenpaket“ gucken. Wissensarbeit kann man nicht in Stunden messbar machen. Stattdessen will ich meinen Mitarbeitern vermitteln: Hier muss keiner auf dem Hosenboden sitzen bleiben, nur damit der Stuhl warm ist. Wir wollen optimale Ergebnisse in einem optimalen Umfeld schaffen – und bei uns funktioniert das im Fünf-Stunden-Tag hervorragend.

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