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Arbeiten an Sehnsuchtsorten : Mit dem Ranger am Wattenmeer

So hatte ein Naturschützer vor Jahren Igel auf der Insel angesiedelt. Eine schöne Idee, möchte man meinen, und ein guter, sicherer Lebensraum für die Tiere. Nur leider fingen die nachtaktiven Allesfresser bald an, die Nester der wehrlosen Vögel auszuräumen, und dank der schmackhaften Nahrung vermehrten sie sich schnell. Das machte sich beim Bruterfolg einiger Vögel bemerkbar, so dass man eingreifen musste. Also wurden in den Jahren 2017 und 2018 rund 200 Igel gefangen und aufs Festland umgesiedelt. Bei verwilderten Hauskatzen sind rabiatere Mittel nötig. Da sie nicht mehr sozialisierbar sind und eine Bedrohung für den Vogelbestand darstellen, sollen Jäger auf sie schießen.

Bild: Schöning Verlag

Auch andere ostfriesische Inseln kennen das Problem. Natürlich habe es da schon den einen oder anderen Shitstorm gegeben, berichtet Runar. Doch für den Naturschutz müssten eben manchmal auch unpopuläre Maßnahmen sein. Das zu vermitteln ist auch ein Teil seiner Aufgabe und seiner Verantwortung: „Von manchen Arten leben hier die letzten Bestände in Deutschland.“ Kein Wunder, dass ihn auch frei laufende Hunde von Gästen immer sofort aufschrecken. „Dafür, dass hier so viel los ist, haben wir mit Touristen aber kaum Ärger“, sagt er.

Langeoog will nicht altbacken wirken

Heikler war da schon ein Fall in seinem ersten Insel-Jahr. Zwei Hunde eines Einheimischen hatten sich über Nester hergemacht und die Eier gefressen. Da es ein Wiederholungsfall war und der Besitzer sich nicht einsichtig zeigte, erstattete Runar Anzeige. „In der Sache war das natürlich richtig, aber ich hatte schon Bedenken, wie das bei den Insulanern ankommt“, erinnert er sich. Ohne deren Rückhalt hat ein Ranger wenig zu lachen – schließlich betrifft seine Arbeit letztlich alle. „Wenn ich 48 Stunden nach meiner Ankunft den Einheimischen erklärt hätte, wie das hier richtig läuft, wäre ich unten durch gewesen“, sagt Runar.

Der Hafen in Bensersiel: Rechts die beiden kleineren Schiffe der Insel-Flotte (in weiß), davor die Frachtschiffe (in blau), die die Insel versorgen. Bilderstrecke
Bildergalerie : Leben und Arbeiten auf Langeoog: Eindrücke von der ostfriesischen Insel

Dass er seit seiner ersten Woche auf der Insel Mitglied im Shanty-Chor ist, hat für ihn vieles einfacher gemacht. Einmal in der Dorfgemeinschaft integriert, könne er ganz anders mit den Leuten reden. Man kennt und hilft sich. So kommt Runar auch mal vorbei, wenn jemand einen verletzten Vogel findet. Viel machen könne er da meistens zwar nicht mehr, „aber es ist wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben“.

Rund 1800 Menschen leben dauerhaft auf Langeoog. Doch Zeiten ohne Touristen-Trubel sind selten geworden. „In der Hauptsaison ist die Kapazität teilweise am Anschlag“, sagt Runar. Knapp 245.000 Gäste waren es vergangenes Jahr – die Tagesbesucher noch nicht mit eingerechnet. Wenn in Nordrhein-Westfalen Sommerferien sind, tummeln sich besonders viele Gäste auf der kleinen Insel. Wirklich leer ist es nur noch im November und Anfang Dezember. Mittlerweile gibt es auch einen Burgerladen, eine Eis-Manufaktur, und es werden selbstgebrautes Craft Beer und Gin serviert. Das Ziel ist klar: bloß nicht altbacken wirken! Gerade junge Familien verlangen schließlich mehr als Fisch und Ostfriesentee.

Runars Botschaft an seine Gäste

Die Tour-Besucher erklimmen derweil die höchste „Erhebung“ der Insel, die etwa 21 Meter hohe Melkhörndüne. „Geht gerade noch so ohne Atemgerät“, scherzt Runar. Oben angelangt, beobachten einige die brütenden Möwen, während Runar mit zwei Besuchern über Ferngläser fachsimpelt; am Horizont sind schemenhaft Container-Schiffe zu sehen. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht dankbar bin, hier zu leben und zu arbeiten“, sagt Runar. Ihm fehlt nichts.

Zwei Bäckereien, drei Supermärkte, zwei Hausärzte, dazu ein Zahnarzt und eine Drogerie – für den täglichen Bedarf sei alles vorhanden, und auf der Insel-Schule kann man sogar die mittlere Reife machen. Nur fürs Abitur müssen die Schüler aufs Festland ins Internat. In seinem ersten Jahr habe er sogar fast vergessen, Urlaub zu nehmen, sagt Runar. Heute flieht er im Winter gern mal vor dem „Schietwetter“ auf die Kanaren, und im Sommer fährt er für einige Motorrad-Touren aufs Festland.

Bevor er seine Tour-Gäste verabschiedet, gibt er ihnen noch eine Botschaft mit auf den Weg. Mehr Demut gegenüber der Natur sei angebracht: „Wir sollten nicht so tun, als könnten wir nach Belieben über sie bestimmen. Das übersteigt bei weitem menschliche Kenntnisse und Fähigkeiten.“ Während der Fahrt zurück in den Ort wird das den Radlern schnell und einfach deutlich: Der Gegenwind bläst kräftig.

In der nächsten Folge: Mit dem Burgwächter auf der Wartburg

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