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Lage am Ausbildungsmarkt : Junge Menschen werden lieber Tierpfleger als Metzger

Nur noch wenige Jugendliche wollen das Metzgerhandwerk lernen. Bild: Frank Röth

Immer mehr Lehrstellen bleiben unbesetzt – zugleich klaffen Berufswünsche und Bedarf stärker auseinander. Ob mehr Geld hilft, ist fraglich.

          4 Min.

          Jeder zehnte Ausbildungsplatz in Deutschland blieb im vergangenen Jahr unbesetzt, weil es zu wenige Jugendliche gab, die sich um Lehrstellen bewarben. Und daran wird sich in diesem Jahr trotz schwächelnder Konjunktur nach Einschätzung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) wenig ändern. Zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres seien immer noch „Tausende von Ausbildungsstellen in einer Vielzahl von Berufen, Branchen und Regionen unbesetzt“, berichtet DIHK-Präsident Eric Schweitzer. „Während die Betriebe früher unter zahlreichen Bewerbern auswählen konnten, wählen heute immer öfter die Jugendlichen ihren Ausbildungsbetrieb.“

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Tatsächlich zeigen auch die Daten der Bundesagentur für Arbeit, dass sich die Knappheitsverhältnisse weiter zugunsten der Bewerber verschieben: Auf der einen Seite waren Ende Juli 207.000 der von Betrieben und Verwaltungen fürs neue Lehrjahr angebotenen Plätze noch nicht besetzt. Auf der anderen Seite waren bei den Arbeitsagenturen Ende Juli aber nur 138.000 Bewerber gemeldet, die noch nichts gefunden hatten.

          Und während die Zahl der zu diesem Zeitpunkt noch unbesetzten Lehrstellen im Vergleich zum Vorjahr um 3,3 Prozent gestiegen ist, ging die Zahl noch der unversorgten Bewerber um knapp ein Prozent zurück. Rein rechnerisch standen jedem von ihnen Ende Juli damit 1,5 freie Lehrstellen zur Auswahl.

          Verschärfter Bewerbermangel

          Insgesamt hatten sich seit dem vergangenen Herbst nach Zählung der Arbeitsagenturen 479.000 junge Menschen um eine Lehrstelle für das nun beginnende neue Ausbildungsjahr beworben, was einem Rückgang um 4,5 Prozent im Vorjahresvergleich entspricht. Demgegenüber hatte sich die Gesamtzahl der angebotenen Lehrstellen im gleichen Zeitraum um 2,1 Prozent auf 543.000 erhöht. Bis vor zwei Jahren war es sogar üblich gewesen, dass die Arbeitsagenturen bis Ende Juli insgesamt mehr Bewerber registriert hatten als freie Plätze.

          Diese Verschiebungen bedeuten allerdings nicht, dass die Bewerber nun in allen Berufen und Regionen freie Auswahl haben. Denn gleichzeitig klaffen Berufswünsche und Bedarf in vielen Bereichen immer stärker auseinander, was den Bewerbermangel in weniger beliebten Berufen noch zusätzlich verschärft.

          Besonders deutlich wird das, wo es um Tiere geht: Immer mehr junge Menschen wollen Tierpfleger werden – und zugleich fehlen immer mehr Metzger. In der Tierpflege waren Ende Juli deutschlandweit nur noch 66 freie Lehrstellen übrig, und das für 881 Jugendliche, die noch suchten. In der gesamten Lebensmittelherstellung, die neben Fleischern auch Bäcker und andere Berufe umfasst, gab es indes noch 1226 Bewerber – und gleichzeitig 5933 unbesetzte Lehrstellen.

          Gewaltige Herausforderungen für Betriebe

          Entsprechend besorgt zeigt sich neben dem Lebensmittelhandwerk auch die Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss, die 6000 Betriebe der Ernährungsindustrie vertritt. Eine aktuelle Auswertung des Verbands weist aus, dass in der Branche zwar die Zahl der Beschäftigten im vergangenen Jahr um rund ein Prozent gestiegen ist, doch gilt das nicht für Auszubildende.

          „Die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen kennt in den letzten Jahren nur eine Richtung: nach oben“, sagt Hauptgeschäftsführerin Stefanie Sabet. „Umso besorgniserregender ist der anhaltende Rückgang bei den Auszubildenden.“ Deren Zahl sank um rund 3 Prozent, was die Betriebe „vor gewaltige Herausforderungen stellt“, wie Sabet warnt.

          Nicht immer ist die Kluft zwischen Berufswünschen und Bedarf so tief wie im Umgang mit Tieren. Es gibt sie aber auch in Berufen, die einander vermeintlich weniger fremd sind, wie die Statistik der Arbeitsagentur zeigt. Beispielsweise waren Ende Juli im Bereich Holzbearbeitung – darunter Schreiner und Tischler – für 3200 Bewerber weniger als 2100 unbesetzte Lehrstellen übrig.

          Mehr Geld in Mangelberufen

          Im Berufsfeld Metallbearbeitung standen dagegen gleichzeitig knapp 1200 Bewerbern noch fast 2500 offene Lehrstellen gegenüber. Allerdings können Bewerber und Betriebe selbst unter diesen Umständen noch das Problem haben, dass sie sich an weit voneinander entfernten Orten befinden.

          Vertreter betroffener Branchen und Betriebe buhlen durch Werbung, höhere Ausbildungsvergütungen und Zusatzleistungen um die Gunst der Bewerber. Auswertungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigen, dass die Vergütungen in den Mangelberufen seit einigen Jahren besonders kräftig steigen – wenn auch teilweise von einem vergleichsweise niedrigen Ausgangsniveau.

          Während es im Durchschnitt aller Ausbildungsberufe im vergangenen Jahr ein Plus von 3,7 Prozent verzeichnete, ermittelte es im westdeutschen Fleischerhandwerk eine Steigerung um 5,2 Prozent auf 823 Euro; für das ostdeutsche Fleischerhandwerk gab es laut BIBB keine belastbar auswertbaren Daten. Die Vergütungen für angehende Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk wurden demnach indes in Ost und West um rund 6 Prozent erhöht.

          Hilft die Mindestvergütung?

          Daneben bemüht sich die Bundesagentur für Arbeit, durch Information zu einer Annäherung von Berufswünschen an den Bedarf beizutragen. Für Nordrhein-Westfalen hat sie dazu gerade ihren „Ausbildungsatlas 2019“ vorgelegt. Dieser zeigt für alle einschlägigen Berufe auf, wie sich dort jeweils die regionalen Knappheitverhältnisse aus Sicht der Bewerber darstellen. Das Kartenbild bestätigt die Statistik: Für den Beruf des Tierpflegers ist das gesamte Land dunkelrot eingefärbt. Für Fleischer und Lebensmittelfachverkäufer, aber auch etwa für IT-Kaufleute, Tiefbauer und Restaurantfachkräfte ist das Land dagegen überwiegend dunkelblau, als Zeichen für starken Bewerbermangel.

          Die Bundesregierung hofft indes, dass sie durch die jüngst beschlossene gesetzliche Mindestvergütung für Auszubildende bald mehr Jugendliche in die Mangelberufe lenken kann. Für den Ausbildungsjahrgang 2020 gilt erstmals eine Mindesthöhe von 515 Euro im ersten Lehrjahr; diese steigt dann bis 2023 schrittweise auf 620 Euro an. Für Lehrlinge im Prüfungsjahr werden dann bis zu 868 Euro als Mindestlohn vorgeschrieben sein.

          Ein Blick auf das Friseurgewerbe legt allerdings nahe, dass die Vergütungshöhe die Berufswahl junger Menschen doch nur in begrenzten Maß beeinflusst. Laut BIBB lag die Durchschnittsvergütung für angehende Friseure 2018 im ersten Lehrjahr nur bei 498 Euro im Westen und 325 Euro im Osten. Der Friseurberuf ist aber trotzdem so beliebt, dass es dort auch für das neue Ausbildungsjahr insgesamt etwas mehr Bewerber gab als Lehrstellen.

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