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Krank im Beruf : „Wer krank wird, ist ein Verlierer“

Ketzerisch könnte ich antworten: Jedes Unternehmen bekommt die Führungskräfte, die es verdient. Untersuchungen der Führungskulturen in 50 Ländern haben jedoch schon 2007 gezeigt, dass Deutschland das Schlusslicht bei der Humanorientierung in der Arbeitswelt war, dass also die Förderung von großzügigem und fürsorglichem Verhalten nicht ausreichend gewürdigt wird.

Aber die Ansprüche an Vorgesetzte steigen doch stetig. 

Das ist zwar so, aber viele sind damit überfordert oder bringen aufgrund ihrer narzisstischen Primärpersönlichkeit Defizite in sozialer Kompetenz mit. Zudem ist es in unserer Mainstream-Konsensgesellschaft ja nicht unbedingt karrierefördernd, den Kopf zu heben und Empathie und Mut vorzuleben. Deshalb möchte ich eine Lanze für Führungskräfte brechen, nicht nur, weil ich selbst eine bin. Führungskräfte müssen heute Vorbild für alles sein. Sie werden für den Unternehmenserfolg, das soziale Klima und die Gesundheit der Mitarbeiter verantwortlich gemacht. Dabei wird vergessen, dass sie selbst weder unverwundbar noch immun gegen Krankheiten sind.

Sie haben schon vor Jahren Schulleiter untersucht und dabei festgestellt, dass sie nicht nur genauso krank waren wie ihre Kollegen, sondern teilweise noch viel komplexere Probleme hatten, mit denen man sie alleine ließ.

So drängt sich die Frage auf: Wer kümmert sich eigentlich um die Krankheiten von Führungskräften? Damit meine ich nicht unbedingt die präventiven Checks, die Großunternehmen ihren High Potentials angedeihen lassen. Bedeutsamer erscheint mir der Umgang mit Krankheit und die Versorgung der mittleren Hierarchieebene, die ja meist eine noch belastendere Sandwichposition bekleidet, oder die der vielen Kleinunternehmer, Handwerksmeister und Selbständigen.

Sie kritisieren, dass in einer Leitkultur der Gesundheit chronisch kranken Arbeitnehmern Diskriminierung droht.

Arbeitswelt und Gesellschaft werden von einem regelrechten Gesundheitswahn beherrscht. Krankheit ist in der Arbeitswelt 2.0 völlig out. Leidend kann man keine Leistung bringen und schon gar nicht sich selbst oder Dienstleistungen verkaufen. Bei Führungskräften gehört es mittlerweile zum guten Ton, wenigstens einen Marathon im Jahr zu laufen. Arbeitnehmer teilen ihre wöchentlichen Fitnessaktivitäten via soziale Netzwerke mit. So wird auch Gesundheit zum Wettbewerb.

Dabei imponiert nicht selten eine Besessenheit der Leistungseliten, gepaart mit einer Arroganz der Gesunden. Wer krank wird, ist ein Verlierer, hat sich falsch verhalten, nicht genug bemüht und ist selbst schuld. In einem derartigen Klima führt das Coming-out als chronisch Kranker zur Stigmatisierung und ins berufliche Abseits. Tatsache ist, dass rund 37.000 deutsche Unternehmen noch nie einen behinderten Arbeitnehmer eingestellt haben.

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