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Konformität im Berufsleben : Was die Arbeit mit mir macht

  • -Aktualisiert am

Roboter als Vorbild? Wer nach oben will, muss sich anpassen. Bild: Reuters

Auch in den modernsten Unternehmen gilt: Wer erfolgreich sein will, muss sich anpassen. Der Konformismus verändert den Menschen aber von Grund auf. Doch ist das gut oder schlecht?

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          Viele empfinden gerade die ersten Arbeitswochen in einem neuen Unternehmen als anstrengend. Nicht nur, weil die Aufgaben neu sind, sondern weil das Umfeld neu ist. Stress entsteht, weil man ein Unwissender ist unter Wissenden. Denn ein Unternehmen ist ein sonderbares Gefüge mit geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen, offiziellen und inoffiziellen Hierarchien; es produziert nicht nur Güter und Dienstleistungen, sondern ist auch ein Bedürfnisbefriedigungsort für Angestellte, Chefs, Unter-Chefs. Es sieht für einen neuen Mitarbeiter erst mal nicht selten so nebulös aus, wie Kafkas Schloss: Die Spielregeln sind unbekannt, die heimliche Agenda der Macht, die ganze Geschichte, wer mit wem, warum, was gar nicht geht - das verrückte Labyrinth.

          Ohne Anpassung steht man in der Welt dieser Organisation allein da. Das natürliche Verhalten ist: Erst mal in Ruhe beobachten, die Fühler ausstrecken. Dann kommt die Frage, inwieweit sich der Mitarbeiter konform verhält? Handelt es sich um einen Berufsanfänger, kann es der Moment sein, in dem er seine sprichwörtlichen Flügel verliert, die idealistischen Vorstellungen vom Beruf fallen lässt oder Pläne aufschiebt. Er wird pragmatisch.

          Das ist der Grund der sogenannten „deformation professionelle“. Bald werden die Freunde sagen: Er ist nicht mehr der Alte. Die Arbeit verändert den Menschen stärker, als sich die meisten bewusst sind. Vormals linksradikale Doktoranden arbeiten wenige Monate in der Bank und singen plötzlich im Freundeskreis das Lied von freien Märkten. Lehrer sind irgendwann von ihrem Besser-Wissen so sehr überzeugt, dass sie auch mit Erwachsenen wie mit Kindern reden. Juristen sehen Streitfälle und Schadensersatzansprüche, wo andere Blumen, Gemälde oder Sportverletzungen sehen. Eitle Manager reden ungeniert verächtlich über „Geringleister“. Und Stewardessen laufen mit einem Lächeln durch die Welt, das nicht so ganz echt aussieht.

          Den Angepassten droht der Burnout

          Oberflächlich kann man sagen: Der Beruf färbt eben ab. Man nimmt die Marotten mit nach Hause - so wie die Laborantin, die auch in der eigenen Wohnung ständig den Boden desinfiziert, weil sie es im Chemielabor immer so machen. Oder der Fotograf, der auch in der Freizeit ständig draufhält. Das sind Ticks oder Anlagen, aber noch nicht unbedingt Deformation. Die Veränderung von inneren Haltungen ist nicht durch neue Gewohnheiten zu erklären, sondern mit einem Blick auf die Mechanismen der Anpassung. Der Wiener Organisationsforscher Michael Busch hat sich mit dem Thema befasst. Er meint, die Deformation durch Konformismus passiere eher Angestellten, die es in der Hierarchie weit gebracht haben. „Wer steigt eher auf, das Chamäleon oder der Einzelgänger?“, fragt er und antwortet selbst: „Vermutlich doch eher das Chamäleon.“

          Die Organisationsforschung unterscheidet zwischen Einstellungs- und Anpassungskonformität. Das erste heißt: mit Meinungen oder Normen voll innerlich übereinzustimmen. Das zweite: sie nicht zu teilen, aber schweigend zu akzeptieren. Die Einstellungskonformen kommen in der Berufswelt gut zurecht. Den Angepassten droht der Burnout, so beschreibt es Michael Busch in einem neuen Buchbeitrag „Auszehrung der Mitarbeiter als Folge von Konformitätsdruck“ (Gabler). Hinzu tritt Stress, der Krankheiten begünstige. Es sollte „der Blick vermehrt auf die dunklen, krankmachenden Seiten der Teamarbeit gelenkt werden“, heißt es im Buch. Warum das? Heute gibt es, so der Stand der Forschung, in Unternehmen im Vergleich zu früher zwar seltener Druck, eine bestimmte Meinung zu vertreten.

          Dafür finden sich häufiger Leistungsnormen vor. „Traut man sich in den modernen Arbeitswelten noch offen, auch mal nein zu einer Aufgabe zu sagen, das ist mir jetzt zu viel?“, fragt Michael Busch, der an der Fachhochschule Wiener Neustadt lehrt. Gerade in Organisationen, die auf Teamarbeit und flache Hierarchien setzten, sei das nicht der Fall, sei die „Leistungskonformität“ enorm. Das heißt: Wer weniger leistet, fliegt raus, wird gemobbt, geringgeschätzt, subtil ausgegrenzt. Apple oder Facebook, sagt Michael Busch, könnten es sich als innovative Marktführer nicht leisten, Meinungen zu unterdrücken. Dafür forderten sie Leistung in extremer Form. Vom verstorbenen Apple-Chef Steve Jobs ist über sein Unternehmen das Zitat überliefert, „dass man zweitklassige Spieler nicht tolerieren kann“.

          Emotionen werden zu strategischen Ressourcen

          Über allem schwebt die Abstiegsangst der Mittelschicht. Mit ihr kennt sich die Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch gut aus, die das Buch „Die Wiederkehr der Konformität“ (Campus) geschrieben hat. Sie sagt: „Trotz bester Qualifikation reicht oft eine falsche Entscheidung, ein falscher Mentor, um aufs Abstellgleis zu gelangen. Sehr viel in der Mitarbeiterführung läuft über Scham oder Angst, also über Sanktionen, die auf den Kern der Persönlichkeit zielen. Da sehe ich viele neue Konformitätszwänge entstehen.“ Koppetsch meint, durch die Subjektivierung und Entgrenzung der Arbeitswelt werde die emotionale Vereinnahmung intensiver.

          Es gibt zum Beispiel mehr Teamarbeit, eine quasi-mütterliche Cheffigur, die das Team emotional führt - lobend statt über Anweisungen, duzend und scheinbar auf Augenhöhe. Gefühl, emotionale Bindung und Ausdrucksstärke würden in dieser Welt zu „strategischen und ökonomischen Ressourcen“, schreibt Koppetsch. Ein Nachteil aber: Die Diskretion bleibe auf der Strecke. So „verschieben sich die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Leben“. Die Folge: „Der Einzelne gerät mit seiner ganzen Persönlichkeit in den Sog einer Anerkennungsdynamik.“ Wo solche Entgrenzung tatsächlich stattfindet, nimmt wahrscheinlich auch der Leistungskonformismus zu.

          Von einem „subtilen, atmosphärischen Zwang, nicht abzuweichen“ spricht Michael Busch. Meinungskonformität sei heute extrem in den Organisationen von Politik, Medien und auch der Wissenschaft. Ein Beispiel: Der Wutausbruch des Politikers Roland Pofalla gegen den Parteifreund und internen Kritiker des Euro-Rettungsfonds Wolfgang Bosbach („ich kann deine Fresse nicht mehr sehen, ich kann deine Scheiße nicht mehr hören“). „Es ist bald wieder wie in der DDR, wer nicht politisiert werden will, wählt lieber eine Fachlaufbahn und studiert Natur- oder Ingenieurswissenschaften“, meint Busch. In technischen Berufen sei der Anpassungsdruck geringer.

          Ein guter Chef übt Selbstkritik

          Warum Anpassung mit einer Deformation der Persönlichkeit zu tun hat, erklären Experimente aus der Sozialpsychologie. Die kognitive Dissonanz - ein Widerspruch von Einstellung und Handeln - lösen die meisten Menschen auf, indem sie ihre Einstellung dem Handeln anpassen. Das ist bequemer, und meistens finanziell günstiger. Doch im Büro andere Einstellungen zu vertreten als im Privatleben, halten die wenigsten Menschen aus. So kommt es, dass der Beruf die Person verändert. Man arbeitet für Geld und Anerkennung, das verändert die Einstellungen, das verändert Haltungen. Die Soziologin Koppetsch spricht analog von einer „emotionalen Dissonanz“. Die gibt es bei Kellnern, Stewardessen, Barleuten oder Immobilienmaklern, aber auch Ärzten und Anwälten.

          Wer im Beruf freundlich sein muss - beziehungsweise umso erfolgreicher ist, je persönlicher zugewandt er sich den Kunden gibt -, bei dem entkoppeln sich irgendwann Gesten der Freundlichkeit von echten Gefühlsempfindungen. Die Personen können ihr Lächeln auch dann nicht ablegen, wenn sie sich eigentlich anders fühlen. Das zeigten vor vielen Jahren Studien von Arlie Hochschild über Stewardessen („Das gekaufte Herz“). Was aber passiert mit denen, die in schwierigem Umfeld alten Haltungen treu bleiben? Sie haben das Glück, dass sie die Berufstätigkeit relativ unbeschadet überstehen können. Wenn sie es ertragen, auf dem Abstellgleis im Unternehmen zu sitzen. „Unten in der Hierarchie bin ich immunisiert gegen allzu große Identifikation mit der Arbeit“, meint die Soziologin Koppetsch.

          Ihr Fachkollege David Riesman unterschied die beiden Typen des innen- und außengeleiteten Menschen. Der erste, autonome Typ verfügt über einen inneren Kompass, der ihn leitet, der zweite orientiert sich an Anerkennung. Dieser Typ, meinte Riesman, sei in westlichen Gesellschaften erfolgreicher. „Die Innengeleiteten werden heute schnell als schrullig links liegen gelassen“, meint Koppetsch. Während Managementwissenschaftler in jüngster Zeit vermehrt über schlechte Unternehmensführung forschen, gibt es aus dieser Disziplin wenigstens einige Tipps, wie der Konformitätsdruck im Unternehmen zum Guten verringert werden kann. Ein guter Chef, so weiß die Forschung, lebt selbst eine Kultur der Selbstkritik vor, vermittelt den Mitarbeitern sein Feedback nicht nebulös, sondern konkret und konstruktiv. Er ermutigt auch zurückhaltende Mitarbeiter zur aktiven Teilnahme an Diskussionen, goutiert es, wenn Personen bewusst Gegenpositionen einnehmen („advocatus diaboli“), und hält seine eigene Meinung am Anfang einer Diskussion stets zurück.

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