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Kolumne „Nine to five“ : Wandel im Handel

Bergen unterhaltsamere Geschichte, als man denken mag: Jobs im Einzelhandel. Bild: dpa

Die Tochter hat seit kurzer Zeit einen Job im Einzelhandel, um das Taschengeld aufzubessern. Jetzt ist sie krank. Kurzerhand hilft Mama aus – und erlebt Ungewöhnliches. Die Kolumne „Nine to five“.

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          Das Kind liegt krank im Bett, das Kind hat doppelt Druck: Sie verpasst den Unterricht und den kürzlich angetretenen Nebenjob beim Gemüsemann um die Ecke. Das Kind bettelt: „Mama, wenn ich da heute nicht hingehe, kündigen die mir, da ist Vorweihnachtsgeschäft. Kannst du nicht einspringen?“

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Dackelblick und Schniefnase rühren Mutters Herz. Warum eigentlich nicht? Warum soll die Controllerin nicht mal an die Front rücken? Spontan nimmt sich Frau C. frei und tritt zum Erstaunen des Inhabers den Ersatzjob an. Der ist schon aus versicherungstechnischen Gründen nicht begeistert, die gediegene Stammkundin für Hilfsdienste einzusetzen, aber irgendwie auch beeindruckt, dass Vertretung anrückt.

          Frau C. legt übermotiviert los. Ihre Erlebnisse über die Warenverräumung unterhalten den Freundeskreis: Unfassbar, was es für arrogante Kundschaft gibt, behandelt uns wie Luft, rammt einem den Einkaufswagen in die Hacken, wenn wir kurz eine Regalreihe blockieren, benutzt uns als Auskunftei: Wo ist der Mangold? Sind die Boskoop aus? Anstrengend, drei Paletten Gurkengläser einzusortieren, geht voll ins Kreuz.

          Tolles Teamwork

          Großartig sei indes der Zusammenhalt der Kistenpacker. Besonders Bernhard hat es ihr angetan, Mutter Polin, Vater Nigerianer, supernett. Der Student wird frech geduzt, Frau C. veräppelte die Distanzlosen: „Bitte siezen Sie meinen Halbbruder!“ Die blöden Blicke waren das wert, die Aushilfskräfte hatten Spaß.

          Nach dem Einsatz übernimmt wieder die Tochter. Das selbst verdiente Geld behält die Mutter für sich. Wäre ja noch schöner! Das Kind schleppt weiter Kartons: Noch sind die Sneaker, winziges Logo, astronomischer Preis, nicht finanziert. Ein Teenieleben ohne dieses Schuhwerk sei freudlos, wertlos, sinnlos! Die Mutter schüttelt den Kopf, bis sie sich erinnert. Um das Sweatshirt mit dem peinlichen „University of Houston“-Aufdruck durchs Oberbergische zu tragen, hat sie weiland wochenlang Nachhilfe gegeben. Also, Nachwuchs, stapel weiter schön hoch!

          In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren über die Kuriositäten des Alltags in Beruf, Schule und Uni.

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