https://www.faz.net/-gyl-a7iol

Kolumne „Nine to five“ : Fragen im Minutentakt

  • -Aktualisiert am

Was fordern die Parteien gegen den Pflegenotstand? Bild: dpa

Dem alten Herrn kommt sein Leben abhanden. Sein Schwiegersohn, der ihn betreut, sieht sich in Frageschleifen gefangen und sehnt sich zurück an einen konventionellen Arbeitsplatz.

          1 Min.

          Herr C. hat die Rollen getauscht, seine Frau arbeitet außerhalb, er betreut den demenzkranken Schwiegervater und hat als Freiberufler einen lukrativen Auftrag im Online-Marketing. Theoretisch kann er diesen in den frühen Abendstunden erledigen, wenn seine Frau ihren Vater „übernimmt“, praktisch funktioniert das nicht. Denn C. ist abends leer. Wie ausgelöscht. Das geht nur am Wochenende, wenn seine Frau übernimmt. Demenzpatienten brauchen klare Strukturen, denn ihr Alltag ist ihnen entglitten. C. will diese Strukturen schaffen, weiß aber nicht mehr, wie. Denn die Krankheit schreitet fort und damit seine Herausforderung, Multitasking zu leisten. „Das erlebe ich als exponentiell“, sagt der studierte Betriebswirt und meint selbstkritisch, „mehrere Aufgaben parallel zu jonglieren, darin war ich immer schon schlecht“.

          Wo bleibt sie nur?

          Demenzpatienten versuchen – viele verzweifelt, aber liebenswürdig – ihre schwindende Orientierung durch Fragen über Fragen abzufedern. Manchmal möchten sie im Sieben-Minuten-Rhythmus wissen, wann genau die Tochter heimkehrt, wo die Milch steht, was der Schwiegersohn beruflich macht, wann Weihnachten ist, wann die Tochter wieder da ist, was der Schwiegersohn von Beruf ist, warum er den ganzen Tag im Haus verbringt (er ist doch so ein intelligenter Mensch!), wann seine Frau heute heimkehrt, ob es wieder spät wird, wann Weihnachten ist. Das in Endlosschleifen höflich zu beantworten scheint auch in der Anfangsstufe der Krankheit übermenschlich. Demenz lässt das Leben aller abhandenkommen.

          Da versagt jede Strategie

          Sich im Heim um demente Menschen zu kümmern, das ist die eine Sache, das daheim „neben“ der Arbeit zu leisten, eine andere. C.s Definition von Demenz, woran 1,6 Millionen Deutsche erkrankt sind, lautet: „einem geliebten Menschen dabei zusehen zu müssen, wie er langsam verrückt wird“. Bei seinem eigenen Vater, das sagt C. realistisch, könnte er diese Pflege nicht leisten. „Bei der angeheirateten Verwandtschaft geht das für mich.“ Corona findet C. ganz besonders schlimm. Einem verwirrten Menschen zu erklären, warum alle, auch die Kinder, mit Maske herumlaufen, sei nicht schön. „Da versagt jede Marketingstrategie.“ An schlechten Tagen sehnt sich C. nach lahmen Konferenzen, dummen Kommentaren, doofen Kollegen, fordernden Chefs. C. findet: „Viele Berufstätige wissen nicht, wie gut es ihnen geht.“

          In der Kolumne Nine-to-Five schreiben wechselnde Autoren über den Alltag in Büro und Hochschule.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Das leichte Leben

          Archipel Jugoslawien : Das leichte Leben

          Ihre Eltern wurden geboren, als das Experiment Jugoslawien begann. Die Autorin, als es schon fast zu Ende war: Eine kosovarische Kindheit im Krieg.

          Topmeldungen

          Unter Druck: Georg Nüßlein (CSU) im Bundestag (Aufnahme aus dem Januar)

          F.A.Z. exklusiv : Nüßlein will aus der CSU austreten

          Wegen der Affäre um Geschäfte mit Corona-Masken will der Bundestagsabgeordnete Georg Nüßlein nach Informationen der F.A.Z. aus der CSU austreten. Auch der Bundestagsabgeordnete Nikolas Löbel gibt sein Parteibuch ab und legt sein Bundestagsmandat nieder.
          Serbiens Präsident Aleksandar Vučić

          Serbien und die Mafia : Fußball, Tod und Marihuana

          Serbiens Präsident Vučić sagt einem Führer der Mafia den Kampf an und konfrontiert die Bevölkerung mit grausamen Bildern. Dabei hatte er selbst Verbindungen in das Milieu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.