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Kapital für Mitarbeiter : Kollege Eigentümer

  • -Aktualisiert am

Start-ups auf der Frankfurter Buchmesse 2018: Gerade bei Gründern ist die Idee der Mitarbeiterbeteiligung beliebt. Bild: Wolfgang Eilmes

Eine Beteiligung am Unternehmen motiviert Mitarbeiter und eröffnet finanzielle Chancen. Aber einige Branchen verweigern sich – und ein Manko bleibt.

          3 Min.

          Mitarbeiter am Kapital zu beteiligen hat in manchen Unternehmen eine lange Tradition. Thomas Sauer weiß davon viel zu berichten, er ist seit 29 Jahren beim heutigen Evonik-Konzern und dessen Vorgängern angestellt. In den fast drei Jahrzehnten hatten Sauers Arbeitgeber fast durchgängig Mitarbeiteraktienprogramme angeboten – oder andere Formen der Kapitalbeteiligung wie etwa Genussrechte. „Das Instrument trägt stark zur Mitarbeitergewinnung und -bindung bei“, sagt Sauer, der Vorsitzender des sogenannten Gesamtsprecherausschusses im Evonik-Konzern und für alle Themen der Führungskräfte zuständig ist.

          Sauer ist beileibe nicht der einzige Anhänger von Mitarbeiterbeteiligungen. Die Idee findet in immer mehr Unternehmen Förderer. „Eine Mitarbeiterkapitalbeteiligung kann die Identifikation der Beschäftigten mit ihrem Unternehmen erhöhen. Sie kann eine partnerschaftliche Unternehmenskultur fördern und ein weiterer Baustein zur Altersvorsorge sein“, sagt Gerhard Kronisch, Hauptgeschäftsführer des Verbandes für Führungskräfte in der Chemieindustrie (VAA). Evonik-Manager Sauer sagt: „Wer am Risiko eines Unternehmens beteiligt ist, überlegt genauer, wie er sich im Unternehmen einsetzt und ist mit mehr Engagement dabei.“

          Der Bundesverband Mitarbeiterbeteiligung (AGP) schätzt, dass rund 3900 Unternehmen ihre Mitarbeiter am Kapital beteiligen, verteilt auf 700 Aktiengesellschaften und 3200 mittelständische Unternehmen in der Rechtsform einer GmbH oder einer Personengesellschaft. „Auch in fast allen Branchen ist das breit gestreut“, sagt Dirk Lambach vom AGP. „Allerdings wenige bis gar keine gibt es in der Gastronomie, Hotellerie, Gesundheit, Pflege und im öffentlichen Dienst.“

          „Die Teilnehmer kommen aus allen Hierarchien“

          Angestellte zu Mitunternehmern zu machen, scheint eine clevere Option zu sein, um die Ungleichheit zwischen Arbeit und Kapital zu reduzieren. Im Gegensatz zu den Arbeitgebern sind die Gewerkschaften allerdings nicht nur Feuer und Flamme. Rainald Thannisch vom Deutschen Gewerkschaftsbund sagt: „Für Mitarbeiter kann das sehr interessant sein, weil sie dadurch einen Anteil an den Kapitaleinkünften erhalten, was verteilungspolitisch zu begrüßen ist.“ Die Kapitalbeteiligung müsste aber zusätzlich zum jeweiligen Tariflohn angeboten werden. Gewerkschafter wie Thannisch fordern zudem, dass die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrates gewahrt bleiben, und weisen auf das doppelte Risiko hin, welchem die Mitarbeiter im Falle einer Insolvenz ausgesetzt wären. Sie würden nicht nur ihren Arbeitsplatz verlieren, sondern auch noch ihre Kapitaleinlagen im Unternehmen.

          Bei Evonik erwerben laut Manager Sauer jedes Jahr rund 40 Prozent der global 33.000 Beschäftigten Mitarbeiteraktien. „Die Teilnehmer kommen aus allen Hierarchien, vom Produktionsmitarbeiter bis zur Top-Führungskraft sind alle dabei“, sagt er. Das Modell: Für je zwei gekaufte Aktien bekommt man vom Unternehmen eine dritte geschenkt. „Damit kann man über die Jahre einen signifikanten Kapitalstock aufbauen“, sagt Sauer, „auch in Krisenzeiten.“ Selbst bei Tiefkursen in der Corona-Zeit hätten die Mitarbeiter damit eine Rendite erzielt.

          Gestützt wird diese Erkenntnis durch eine Studie der Unternehmensberatung hkp und das Deutsche Aktieninstitut. „95 Prozent der hiesigen börsennotierten Unternehmen mit Mitarbeiterbeteiligung konnten in einem Zehnjahreszeitraum positive Renditen für diese Programme erwirtschaften und Krisen langfristig kompensieren“, sagt Petra Knab-Hägele, Vergütungsexpertin bei hkp.

          Steuerliche Förderung ist gering

          Ein Manko allerdings haben die Programme. Die steuerliche Förderung ist gering – und damit ist hierzulande die Bereitschaft, Mitarbeiterbeteiligungen konkret umzusetzen, nicht überragend hoch. „Der jährliche Steuerfreibetrag für eine Mitarbeiterkapitalbeteiligung von aktuell 360 Euro liegt viel zu niedrig. Deutschland sollte sich an ein international übliches Niveau anpassen“, sagt Gerhard Kronisch, Hauptgeschäftsführer der VAA Chemie. Die Wirtschaft fordert seit längerem, dass der Wert auf mindestens 3000 Euro steigt – und damit auf ein international übliches Niveau. Zudem dringt sie darauf, dass Dividenden und Zinserträge nicht besteuert werden, wenn sie zum langfristigen Vermögensaufbau reinvestiert werden. Langfristige Anleger sollten zudem anders besteuert werden als kurzfristig denkende.

          Die Bundesregierung hat sich mittlerweile des Themas angenommen, nicht zuletzt durch Druck von Investoren und Gründern. Denn gerade in der Start-up-Szene wollen Unternehmen nach amerikanischem Vorbild Mitarbeiter mit Anteilen für ihren Einsatz bei geringem Gehalt belohnen und an einem möglichen Verkaufserfolg oder Börsengang beteiligen. In dem 15-seitigen Eckpunktepapier zum jüngst angekündigten Konjunkturprogramm hat die Bundesregierung ein klares Bekenntnis zur Mitarbeiterkapitalbeteiligung abgegeben. Die Koalition werde „auf die besondere Situation von Start-up-Unternehmen eingehen und eine für diese attraktive Möglichkeit der Mitarbeiterbeteiligung schaffen“, heißt es in dem Papier. Derzeit prüfen das Finanzministerium und das Wirtschaftsministerium Details.

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