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Knast-O-Mat : Bewerber ins Gefängnis bringen

Bild: Screenshot Justiz NRW

Nordrhein-Westfalens Justizministerium versucht, mit einer schrillen Kampagne junge Menschen zu ködern. Sie sind nicht die ersten, die bei der Bewerbersuche auf ungewöhnliche Mittel setzen.

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          In Gefängnissen arbeiten nur ganz harte Kerle? Wer weiß! Zu wem der Job angeblich passt, kann man neuerdings mit dem sogenannten „Knast-O-Mat“ herausfinden. Mit dieser ungewöhnlichen Kampagne wirbt das Justizministerium Nordrhein-Westfalen für die Arbeit im Justizvollzug. Interessierte potentielle Bewerber erhalten in einem Online-Tool, das dem bekannten Wahl-O-Mat ähnelt, 20 Ja/Nein-Fragen. Nach deren Beantwortung gibt es eine erste Einschätzung, ob der Teilnehmer für die uniformierte Arbeit im Gefängnis geeignet sein könnte oder eher nicht.

          Madeleine Brühl
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Das Instrument fällt im weitesten Sinne in die Kategorie der sogenannten Online-Self-Assessments. Das sind Instrumente, mit deren Hilfe junge Menschen im Internet testen können, ob bestimmte Ausbildungs- oder Studiengänge oder auch bestimmte Arbeitgeber zu ihnen passen könnten. In der Vergangenheit hatten schon die Berliner Verkehrsbetriebe mit dem „BVG Ausbildungsmatcher“, der Lebensmittelhändler Edeka mit dem „Jobmatcher“ und die Postbank mit dem „Ausbildungs Navi“ Ähnliches versucht – mit guter Resonanz aus der Personalmanager-Fachwelt.

          Auch in Sachen Knast-O-Mat fällt das Echo recht positiv aus. „Ich finde die Kampagne witzig. Der Fragebogen vermittelt einen guten Eindruck, was auf den Bewerber in dem Beruf zukommen würde“, sagt Wolfgang Jäger. Der Personalfachmann war bis 2018 Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Rhein-Main und forschte auch selbst zu Problemen der Nachwuchsbeschaffung.

          Sicherer Arbeitsplatz

          Nach Aussage des Justizministeriums wissen viele Bewerber nur sehr wenig über die Arbeit im Allgemeinen Vollzugsdienst. Um das zu ändern und potentielle Bewerber gezielter ansprechen zu können, wurde der Knast-O-Mat entwickelt. Die Idee hinter der Entscheidungshilfe ist es, auf die Eigenheiten von Berufen hinter Gittern aufmerksam zu machen. Beispielsweise ist das Handy am Arbeitsplatz ein absolutes Tabu. Und auch ein kurzes Mittagessen beim Italiener um die Ecke ist für Justizvollzugsbeamte keine Option. Dafür wartet ein sicherer Arbeitsplatz auf die Bewerber. Gefragt werden sie im Knast-O-Mat zum Beispiel auch nach Fitness, sozialem Verantwortungsbewusstsein, Wertvorstellungen und Charaktereigenschaften.

          Am Ende des Tests steht allerdings meistens ein positives Ergebnis. Selbst wenn ein Bewerber vom Knast-O-Mat als ungeeignet eingestuft wird, bekommt er im Anschluss einen Hinweis, dass es auch noch andere Einstiegsmöglichkeiten in die Justiz gebe. Insgesamt fällt das Ergebnis, gerade im Vergleich mit konkurrierenden Self-Assessments eher dünn aus: Die Bewerber erfahren nicht, was für oder gegen ihre Eignung spricht oder ob das Ergebnis knapp ausgefallen ist.

          „Kann früh, kann Späti“

          Mit der Werbewirkung allerdings zeigt sich das Justizministerium schon jetzt sehr zufrieden: Seit Beginn der Kampagne sei die Zahl der Bewerbungen stark angestiegen. Auch Wolfgang Jäger sagt: „Ich halte es für notwendig, dass für solche Jobs eigene Kampagnen durchgeführt werden, sonst bekommt das niemand mit. Der öffentliche Bereich muss aufgrund des demographischen Wandels und des Versprechens nach mehr Bürgernähe mehr tun als die Unternehmen.“ Im Justizvollzug werden derzeit dringend Mitarbeiter gesucht, aktuell sind fast 400 Planstellen unbesetzt, und in den nächsten Jahren kommen altersbedingt noch mehr dazu.

          Damit ist der Bereich bei weitem nicht der einzige im öffentlichen Dienst, der Nachwuchsprobleme hat und sich an kreativen Werbeaktionen versucht. Auch die Bundeswehr wirbt schon seit ein paar Jahren immer wieder mit zum Teil fragwürdigen Aktionen auf Plakaten und Youtube. Weniger umstritten, aber mindestens genauso kreativ versucht die Berliner Polizei derzeit mit Sprüchen wie „Kann früh, kann Späti“ oder „Kann 1. Mai, kann 1. Schultag“ ihr Berufsimage zu verbessern.

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