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Vorschulkurse für Kinder : Getrimmt und überwacht

Mal gucken, was passiert: Kleine Kinder lernen am meisten, wenn sie ihre Umwelt spielerisch erkunden. Bild: ZB

Schon vor Schulbeginn machen sich Eltern Sorgen über die berufliche Zukunft ihrer Sprösslinge und schicken sie in Sprach- und Musikkurse. Doch was bringt das wirklich?

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          Der jüngste Kunde, den Gabi Krappe bisher hatte, war zwei Monate alt. Normalerweise sind Kinder mindestens seit drei Monaten auf der Welt, wenn sie an ihren Englischkursen teilnehmen. In den Kursen für die Null- bis Zweijährigen werden die Kinder geschaukelt und motorisch angeleitet, erklärt die Leiterin des „Learning Centre“ der privaten Sprachschule Helen Doron in Oberursel bei Frankfurt.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Das alles geschehe in der Hoffnung, Nervenstränge zu stärken, damit der Spracherwerb später leichterfalle. Die meisten Englischkurse, die die frühere Unternehmensberaterin und ihr Team anbieten, sind aber für (etwas) ältere Kinder, sie finden oft in Kitas und Schulen statt. „Die Eltern haben ein großes Interesse an Englisch“, sagt Krappe. Die Kita-Leitungen seien hingegen oft ablehnend eingestellt. „Sie befürchten eine Überforderung der Kinder.“

          Auch in dem Kindergarten in Oberursel, in dem Krappe an diesem Vormittag Drei- bis Fünfjährige jeweils eine halbe Stunde lang nach allen Regeln der modernen Didaktik mit Gesang, Tanz und schauspielerischen Einlagen in die englische Sprache einführt, halten die Erzieherinnen wenig von der frühen Englischförderung. Ganz im Gegenteil bedauern sie den starken Hang der heutigen Elterngeneration zu formalen Bildungsangeboten in Kursen und auf Ausflügen. Auf Elternabenden appellierten sie immer wieder an Mütter und Väter, stattdessen dem freien Spielen mehr Gewicht zu geben.

          Reicht eine halbe Stunde Englisch die Woche?

          In der Turnhalle der Kita sitzen sieben Kinder mit Krappe im Kreis. „Are you ready to learn English?“, fragt die studierte Psychologin und klopft laut auf den Boden. „Yes, we are“, antworten die Kinder und werfen die Arme in die Luft. Heute sind die Körperteile dran. Zusammen mit der Kursleiterin rufen die Kleinen „touch your nose, touch your knees, touch your toes!“ und tun dies auch. Sie sind die ganze Zeit aufmerksam bei der Sache, denn sie bekommen viel geboten. Krappe redet fast ununterbrochen in einer ihnen fremden Sprache; dabei zeigt sie verschiedene Gegenstände - und wackelt auch mal mit den Zehen, um klarzumachen, was „toes“ sind. Zum Schluss gibt es einen Stempel auf die Hand, zur Erinnerung für die Eltern, dass zu Hause der nächste Film angeschaut werden soll.

          Diese erzählen, warum es ihnen wert ist, für eine halbe Stunde Englisch in der Woche knapp 40 Euro im Monat zu bezahlen. Sie sagen, was wohl viele Mütter und Väter in Deutschland sagen würden, denn Fremdsprachenunterricht schon im Vorschulalter ist in einer internationaler werdenden Welt weit verbreitet. „Die Kinder werden locker an eine andere Sprache herangeführt“, lobt eine Mutter. Eine andere findet: „Wenn die Möglichkeit besteht, warum soll man es nicht machen.“ Manche sind ambitionierter: Es sei ein gute Übung für die Schule, sagt eine. Englisch erst von der dritten Klasse an zu lernen sei zu spät - darin sind sich alle einig. Eine Mutter spricht von dem wichtigen Zeitfenster fürs Sprachenlernen, das jetzt offen sei. In diesem Alter lernten Kinder eine Fremdsprache „im Vorbeigehen“.

          Doch reicht dafür eine halbe Stunde in der Woche? Diese Frage beantworten viele Fachleute freilich mit nein: Dafür müssten die Kleinen durchgängig und ganztätig Kontakt zu der neuen Sprache haben. „Sie müssten in einen englischsprachigen Kindergarten, und die Sprache müsste zu Hause weitergetragen werden“, erklärt die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Dann werden die Kinder in ein „Sprachbad“ getaucht, wie es auch in einer zweisprachigen Familie ganz natürlich der Fall ist. Bei einem Kurs nur einmal in der Woche lernten sie in puncto Sprache wenig, sagt Stamm. „Vielleicht erwerben sie sich eine gewisse Globalisierungskompetenz.“

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